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Publikumskritik 4.8.2009
Das Publikum in Brüno
Martin Herrmann
 


Der Film Brüno ist ein Kulturfilm. Er zeigt Zwanghaftigkeit, die als gelebte Sexualität daherkommt, oder umgekehrt.
Es gibt laute Lacher im schwach besetzten Zuschauerraum, die aber nur von einer männlichen Person emittiert werden. Der Typ wird von einer mitgebrachten Gruppe weiblicher Fans unterstützt und bestätigt, aber hier im Kino vorerst nicht durch gelebte Zwanghaftigkeit, sondern durch Mitlachen und sogar durch Vorauslachen an Stellen, an denen vermutlich gleich der Typ lachen wird. Interessant ist der weibliche Versuch, durch Vorlachen an weniger groben Stellen den Mann in ein kulturell gehobenes Lachverhalten zu locken. Es klappt nicht und so steht das Arschloch eben als Kotzbrocken da, der brüllen muss, wenn eine Analpenetrierungsmaschine per Fahrradmechanismus in Gang gesetzt wird. Logisch, hier sieht er sich ja praktisch selbst. Was ihn dabei sicher nicht interessiert, ist, dass dieser Gag aus »Burn after reading« von den Cohen Brothers geklaut ist. Der Sex, den der Kino-Brüllaffe dann daheim bekommt, ist genauso erzwungen wie sein Gelache, aber die momentan zuständige Tuss weiß das nicht oder weiß es ganz genau und macht es erst recht. Helfersyndrom? Stockholmsyndrom? Humorsyndrom?
Der Film verdient das Prädikat wertvoll. Er gewährt Einblick in eine ansonsten nichtöffentliche psychiatrische Alltagsthematik, vor allem beim Publikum. Außerdem wird hier, im Mannheimer Cinemaxx, die Vermutung bestätigt, dass es für jede Performance ein Publikum gibt, wenn genügend Geld dafür vorhanden ist. Insofern erklärt der Film Brüno alles: die deutsche Politikerlandschaft, das deutsche Fernsehprogramm, die Opelhilfe, die permanente Wiederkehr von Zusammenbrüchen des Geldsystems.
Viel wichtiger und berührender aber ist die Erkenntnis, dass Brüno und Anton Chigurh, der Hauptkiller in »No Country for old Men«, nicht nur Gemeinsamkeiten in Gesicht, Kopfform und Frisur aufweisen, sondern auch in der Mimik, genauer der soziostrategische Führung der Gesichtsmuskulatur. Ebenso gemeinsam war die Manifestation von Humorlosigkeit in der gnadenlosen Weiterführung des eigenen Lebenslaufes bei völliger Regungslosigkeit der dazugehörigen Seele. Bei Brüno zeigt sich das im Berühmtwerdenwollen ohne Grund, bei Chigurh äußert es sich im Umbringen von Leuten, die ihm nicht passen.
Zwanghaftigkeit im Humor als Strafe für Kultur, oder Strafe mit Humor als Kultur der Zwanghaftigkeit? Wohl eher Kultur als Zwanghaftigkeit der Strafe für Humor. Der Film regt zum Nachdenken an.


 





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