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Fortsetzungsgeschichte 3.8.2009
Teil 3
 



Über meine Abreise kursieren mehrere Verschwörungstheorien. Die meisten treffen zu. Nur nicht die, der zufolge ich im Austausch gegen Peter Jürgen Book von der RAF mit einem Flugzeug der RAF über dem Atomkraftwerk Krümmel abgeworfen wurde, auch wenn dieser Terrorist, der mittlerweile ins lukrative Terrortainment übergewechselt ist, daraus das Drehbuch für einen Tatort gemacht und damit seine Altersvorsorge gesichert hat. Der israelische Geheimdienst hat damit auch nur insoweit zu tun, als dass er über seine amerikanische Lobby die Bundesrepublik Deutschland hinstellen ließ, um Israel zu finanzieren. Bei meiner Ankunft musste ich ein Formular ausfüllen, ob ich vorhabe, Terroranschläge zu planen. Unglaublich, wie paranoid dieses System agiert. Ich kreuzte »aber hallo!« an. Ich musste die Schule nachholen. Es mag provokant und querdenkerisch sein, aber ich bin für ein strenges Unterrichtssystem. Laschheit und Kuschel-Umgangsformen bringen nichts, es darf ruhig etwas Druck gemacht werden, wie die Verbesserung meiner Noten bewiest. Am Anfang habe ich die Lehrerein machen lassen und bekam schlechte Zensuren. Erst, nachdem ich ihr einige Male unmissverständlich klargemacht hatte, mit wem sie es zu tun hat, gab sie mir gute Zensuren.
 
 

 
 
Sie hat es außerdem sichtlich genossen, Angst zu haben und als deutsche Schlampe tituliert zu werden, konnte sie sich doch darin in ihrer Weiblichkeit wahrgenommen fühlen. Bei der Zeugnisvergabe bot sie spontan an, mit mir durchzubrennen. Wir einigten uns auf eine Entführung. Das war ziemlich unprofessionell von mir, mich so überrumpeln zu lassen, alles war schlecht vorbereitet und klappte nur, weil sie ja schon in der Zeit davor ein Stockholm-Syndrom zu mir aufbauen konnte. Ich hatte sie einmal mehrere Tage alleingelassen, weil ich gar nicht mehr an sie gedacht hatte, was sie zur Flucht nutzte, doch sie kehrte von selbst wieder zurück, damit ich mich nicht diskriminiert fühlte. Vom Lösegeld bekam sie einen Anteil. Wenn ich mich in einer anderen Kultur einlebe, probiere ich doch mal die Sitten aus.
 
 

 
 
Die Deutschen sind als Adressaten von Terror wenig geeignet, denn sie haben schon permanent Angst. Angst vor Lochfraß oder vor Armutsrisiko. Für Planung und Ausübung bringt das gewiss Vorteile, weil sie Angst haben, etwas Verdächtiges zu bemerken und dann von anderen der Blockwartmentalität bezichtigt zu werden. Man kann sie gar nicht mehr erschrecken, wenn ein Anschlag nicht gleich das gesamte Land erreicht. Einzelpersonen betreffen zu wenige, alle anderen fühlen sich sicher. Bestenfalls kann man den Leuten Angst vor Fahndungsmethoden und Abhörmaßnahmen einjagen. Besser als nichts, aber für den Terroristen fehlt das Erfolgserlebnis. Ich beschloss, das Entführergewerbe als Dienstleistung anzubieten, bis ich über die Provisionen genug Geld für eigene Projekte beisammen haben würde, und machte eine Entführerei auf.
 
 

 
 
Es war einer von diesen Tagen, an denen die Geiseln sich gegenseitig langweilen. Ich überlegte, ob ich einen von ihnen nur so zum Spaß freilassen sollte. Das Geiselkomitee war dagegen. Dann erst recht – hätte ich früher gedacht, jetzt hatte ich gelernt, dass die Sache wichtiger ist als eine aktuelle Laune. Da betrat eine Kundin mein Büro, in deren Gang sich Sache und Laune auf das Fabulöseste kreuzten.
 
 

 
 
»Ich habe gehört, Sie sollen der beste sein«, hauchte sie. Normalerweise ein Grund zur Ohrfeige, denn sie muss natürlich gehört haben, dass ich der beste bin, nicht dass ich der beste sein soll. »Was kann ich für dich tun, Schlampe?«, fragte ich. »Entführen sie alle Optiker, die günstiger sind als Fielmann.« »Vergiss es«, knurrte ich und behielt sie im Verlies, aus dem ich die anderen Geiseln hinauswarf.
 
 

 
 
Ich räumte ihr Konto leer und machte die verblüffende Entdeckung, dass man hier die Frauen benutzen kann, ohne sie anschließend umbringen zu müssen. Von rationeller Arbeit verstehen die hier was, das muss man ihnen lassen. Die Kidnappung von Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung brachte auch nicht den erhofften Durchbruch. Er lehnte seine Befreiung ab, weil die Polizei das Versteck durch Androhung von Folter und Online-Durchsuchungen ermittelt hatte.
 
 

 
 
Die Öffentlichkeit reagierte auf die zunehmende Zahl der Entführungen mit wachsendem Verständnis und der Forderung, das Entführungsgewerbe mit einer Ausbildungsplatzsubvention anzuerkennen. Wirklich ärgerlich waren die Trittbrett-Kommentatoren. Sie traten für Forderungen ein, die ich gar nicht erhoben hatte. Die Arbeitskreise der Regierung einigten sich auf festgelegte Quoten, die pro Jahr an Geiseln bereitgestellt werden sollen, um die unschönen Aktionen der Entführungen zu verhindern. Ich fühlte mich am Ende nur noch toleriert und gab das Geschäft auf, genauer gesagt übergab ich es an Subunternehmer. Sollen die sich mit dem Verwaltungskram herumschlagen.
 
 

 
 
Im Sommer jobbte ich als Holzfäller.
 
 

 
 
Fortsetzung folgt.


 





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