Deutsche sind im Urlaub meist irritiert: Vom Geldausgeben, vom Bezahlen im Restaurant, ja von Rechnungen im Allgemeinen hat der Europäer meist andere Vorstellungen. Wahrscheinlich wird es deshalb nie so richtig klappen mit der Europäischen Union.

Von Harald Martenstein

Als ich ein Kind war, fingen die Deutschen an, massenhaft im Ausland Urlaub zu machen. Bevor sie ins Ausland fuhren, besorgten sich viele einen Brustbeutel oder einen Spezialgürtel mit Reißverschluss, in denen sie das Geld und die Papiere sicher verwahren konnten. In Deutschland, wo es ja nun auch Kriminalität gab, wäre man nie auf die Idee gekommen, sich zum Schutz vor Dieben einen Beutel umzuhängen, der dann unter dem Hemd herumbaumelte und unangenehm auf der Haut schubberte. Das Ausland war verlockend, aber auch gefährlich. Die Ausländer waren interessant, aber sie wollten auch unser Geld.

Im Ausland war es dann sensationell billig. Im Grunde konnte man, als D-Mark-Deutscher, mit dem Geld nur so um sich werfen. Das hat man aber nicht gemacht. Die Tatsache, dass es billig ist, hat bei vielen einen sportlichen Ehrgeiz geweckt. Mal schauen, wie billig man das hinkriegt. Manche Leute haben geradezu damit angegeben, wie wenig sie ausgeben. Das billigste Hotel in Rom gefunden zu haben, ja, das war ein Statussymbol.

Das Ausland war billig, weil die Ausländer wenig verdienten. Genau genommen waren sie arm. Deswegen klauten sie tatsächlich hin und wieder etwas. Aber unter dem Strich, also, wenn man das gesamte geklaute Geld aller Deutschen und alle geklauten Fotoapparate einrechnete, ist es für die Deutschen, ähnlich wie die EU, immer noch ein gutes Geschäft gewesen, und schön war das Ausland ja außerdem. Der Ausländer erwartete ein Trinkgeld. Das war klar. Mein Vater hat das Trinkgeld immer schon am ersten Tag verteilt, gleich nach der Anreise hat er den Kellnern, den Zimmermädchen und dem Portier einen Schein zugesteckt, über die angemessene Summe hatte er sich vorher informiert. Er gab relativ viel. Auf diese Weise, sagte er, haben wir wenigstens was von dem großzügigen Trinkgeld. Es ist doch Quatsch, das Geld am letzten Tag zu verteilen, wo wir doch wahrscheinlich nur ein Mal im Leben in diesem Hotel sind. Die Kellner, Portiers und so weiter rissen sich dann auch plangemäß für uns ein Bein aus, weil sie dachten, das war nur die erste Tranche der Transfersumme. Sie dachten, am Ende des Urlaubs kommt von meinem Vater die zweite Tranche, aber da irrten sie sich.

Preis einfach geschätzt

In Griechenland gab es Kellner, die den Preis schätzten. Die rechneten am Ende nicht aus, was man genau gegessen und getrunken hatte, sondern kuckten kurz auf den Tisch mit den Tellern und Gläsern, überlegten eine Sekunde und sagten dann einfach: „Soundso viele Drachmen.“ Ein runder Betrag. Das war extrem irritierend für uns. Wir verlangten oft, dass die Kellner uns das genau aufschlüsseln und erklären. Dann kam ungefähr der Betrag heraus, den der Kellner geschätzt hatte. Klar, er konnte das so hindrehen. Manchmal gab es ja nicht mal eine Speisekarte mit Preisangaben. Für die Kellner dagegen war es die Hölle, dass die Deutschen, wenn zwei Familien am Tisch saßen, fast immer getrennt bezahlen wollten. Die Deutschen wollten, dass es gerecht zugeht, Gerechtigkeit ist nun einmal kompliziert und macht Arbeit. Dass die Griechen ihre Steuern nicht ordentlich bezahlen, hätte man damals schon wissen können.

Am schlimmsten aber war das Handeln. Es gab Länder, in denen die Preise ausgehandelt werden mussten. Zuerst nannte der Verkäufer für den Tonkrug einen lächerlich hohen Preis, am Ende wollte er nur noch ein Drittel oder ein Viertel davon. Ständig riefen die Verkäufer: „Was wollen Sie zahlen? Nennen Sie ihren Preis!“ Mein Gott, woher sollten wir das denn wissen? Wir wollten einfach nur den gerechten Preis zahlen, das, was es halt kostet. Am Ende hat man da als Deutscher immer das Gefühl gehabt, zu viel zu bezahlen. Es gab keine Gerechtigkeit.

Ausländer nicht beleidigen

Der Verkäufer hat alle Sprachen gekonnt, genau wie heute ein EU-Kommissar. Er hat in dem Verkaufsgespräch „mein Freund“ zu den Deutschen gesagt. Wie viel möchtest du bezahlen, mein Freund? Das war ein Missbrauch des Wortes Freundschaft. Wenn wir wirklich seine Freunde gewesen wären, hätten wir doch wohl gar nichts bezahlen müssen. In der EU wird das Wort „Freundschaft“ auf genau die gleiche Weise verwendet. Auf der anderen Seite wurde man im Ausland oft eingeladen, von Wildfremden, zum Essen, zum Wohnen, da wusste man nie, wie man sich verhalten sollte. Um die Ausländer nicht zu beleidigen, hat man hinterher natürlich nichts bezahlt, aber es blieb ein ungutes Gefühl. Von Freundschaft hatten die Ausländer offenbar völlig andere Vorstellungen, genau wie vom Geldausgeben und vom Bezahlen im Restaurant und von Rechnungen, das war alles unklar und schwammig, auch irgendwie ungerecht. Dass es dann mit dem Euro nicht geklappt hat, war, vom damaligen Standpunkt gesehen, eigentlich keine Überraschung.