Die Coronazeiten sind finster. Ein Grund mal etwas anderes über die Welt in der Pandemie zu schreiben. Was ich jetzt mache und vor allem wie mir das gelingt, lesen sie in dieser ironisch-bissigen Satire.

Von Stefan Groß-Lobkowicz

Zuerst dachte ich ja, ich bin Metaphysiker, weil ich so gern über Gott und die Welt räsoniere, dann glaubte ich ein frenetischer Anhänger der Aufklärung zu sein – spätestens nach dem Fall der Mauer. Doch in Zeiten von Coronakrise bin ich wieder Stoiker geworden. Nicht, dass ich gern den Schierlingsbecher meines geliebten Seneca entgegennehmen würde, wie dieser ihn einst von seinem Zögling Nero zum Abschied nahm. Nein, ich würde ihn auch nicht nehmen, wenn ihn mir meine Kanzlerin reichen würde, mit dem Hinweis, dass ich in diesen schweren Zeiten meine Lunge doch lieber jemand jüngeren spenden sollte; besser einem Raucher denke ich, ein anderer hätte damit auch keine Freude. Von Fürstin Carolyne von  Sayn-Wittgenstein ist ja überliefert, dass Gäste bei Besuchen erst auslüften müssten, damit die Dichte des Raucherqualms im Zimmer nicht ruiniert wird. Eine weise Frau.

Nein, ich bin Stoiker, ich lebe in düsteren Zeiten, wo Baumarkt, Tankstelle und Supermarkt meine neuen Kathedralen sind. In heiterer Gelassenheit entsage ich der materiellen Welt sowie fleischlichen Gelüsten, was ohnehin derzeit unmöglich ist, weil ich mit meiner Lebenspartnerin Abstand wahre, mindestens, so hat es eine neue Studie aus den USA herausgefunden, zwei Meter, was bei dem kleinen Liebesnest für mich bedeutet, auf dem Fußboden zu nächtigen. Hinzu kommt jetzt als Argument nicht mehr die Migräne, die ja zeitlich befristet und nach einer mehr oder weinigeren Kurzweil Hoffnung verspricht, nein, jetzt heißt das Argument Coronakrise, ausgebrannt, leer, erregungslos, Ende ungewiss. Wo einst ein Schlot stand, guckt man jetzt ins Ofenrohr.

Da kein Mensch auf dieser Welt weiß, wie lange die neue Pest noch andauern wird, sich auf der Restwelt des Planeten alle möglichen Menschen wieder scheiden lassen und ihre Kinder quälen, die häusliche Gewalt nimmt täglich zu, begreife ich diese Auszeit als Ruf Gottes zur Askese hin und lebe jetzt nach Gusto des Monsieur Teste, der Hauptfigur der 1896 erschienenen Erzählung von Paul Valéry, „Ein Abend bei Herrn Teste“. So wie Teste habe ich alles Persönliche ausgelöscht, betrachte ganz stoisch nur mein eigenes Ich, nutze den Tag, denn „vita brevis est“, das Leben ist kurz, und wird wie es aussieht in der aktuellen Krise immer kürzer.

2.     Ich gehe jetzt gern einkaufen – Ich fühle mich wie ein Aussätziger

Einkaufen ist in Coronazeiten etwas besonderes. Man fühlt sich wie ein Aussätziger und auch die anderen fühlen sich so, was auch wieder ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt, die menschliche Harmonie und Wärme, von der ja in diesen Tagen viel die Rede ist. Doch in Zeiten von Corona ist Obacht angesagt. Auch ich habe mir das zur obersten Maxime gemacht. Bevor ich  Haus und Tür verlasse, überprüfe ich detektivisch, ob nicht ein Animale rationale in der Nähe ist, nach Aristoteles ist das die Fähigkeit des Menschen zu denken, die ihm vom Tier unterscheidet. Aber als Philosoph weiß ich, dass sie wohl eher selten sind. Was es hingegen mehr gibt, sind Homos sapiens, so viele, dass böse Zungen behaupten, Corona sei dazu da, um hier eine biologische Selektion vorzunehmen. Jedenfalls prüfe ich immer genau, ob ein Homo sapiens in der Nähe ist, der mich im schlimmsten Fall auch zum Träger dieses bösartigen Virus machen könnte. Gestern habe ich 48 Mal versucht aus der Haustür zu kommen, 48 Mal bin ich wieder in die Wohnung geflohen. Die Quintessenz – ich war nicht einkaufen. Ich frage mich immer, was machen alle Menschen da draußen, wo doch alle in Quarantäne sein sollten. Mensch, denke ich mir, in China, wo das Virus ja herkommt, weil sich die „tierliebenden“ alles fressenden Chinesen infiziert haben, wäre ein Herumspazieren in Zeiten der Ausgangsbeschränkung unmöglich, da hätte der rigide Kommunismus die Türen zugeriegelt und die Chinesen, die hier im Supermarkt mit Masken laufen, wären auch nicht bei uns auf der Straße.

Endlich geschafft, das Supermarkt-Highlight. Wenn sonst schon alles tot ist, brennt hier wenigstens noch Licht. Nach Klopapier schaue ich gar nicht mehr. Mit so hoch spekulativen Wertpapieren gebe ich mich nicht mehr ab, selbst wenn zu Hause der Installateur auch nicht kommt, weil ich auf Zeitungen umgestiegen bin, die den Effekt haben, dass jetzt die Sickergrube voll ist. Also Klopapier kann ich mir eh nicht leisten.

Im Supermarkt herrscht eine gespenstische Atmosphäre, die mich irritiert. Immer wenn ich eine Regalzeile langgehe, fliehen alle vor mir als sei ich das lebendige Coronavirus selbst. Als ich beim Butterstand angekommen war, versuchte ich 30 Mal an die Butter zu kommen, aber es weilte immer ein Homo sapiens im Gang, der sich nicht zwischen Butter und Joghurt entscheiden konnte, was ich mit 20 Minuten meiner kostbaren Lebenszeit, gerade in Coronatagen, bitter bezahlen musste. Zum Schluss kaufte er Kondome – ich denke für so eine abgefahrene Corona-Party wie sie im Mittelalter, bei der Pest, ja als sexuell-finale Ausschweifungen, geradezu ekstatisch gefeiert wurden. Warum Kondom, das hatte ich immer noch nicht verstanden. Vielleicht wollte er nicht Aids zu Corona noch dazu bekommen.

Irgendwie ist es im Supermarkt wie in der DDR. Da gab es neulich einen coolen Spruch auf Facebook. „Grenzen dicht, Regale leer, Willkommen in der DDR“. Schlimmer als in der DDR, da gab es zwar keine Bananen, aber Klopapier. Dass die Grenzen dicht sind, kommt wieder meiner stoischen Einkehr entgegen. „Sieh, das Gute liegt so nah, Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da“ hatte mal ein Frankfurter Jurist gedichtet.

Hefe gibt es auch nicht mehr, was, wie mir eine Kollegin mitteilte, den Verdacht hegt, dass schwarz Alkohol gebrannt wird. Hoffen wir bei diesen ungelenken Zeiten, dass hier richtig und nicht wie in Russland immer überdosiert wird, was zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 53 Jahren und einer ruinierten Leber in ehemaligen Zarenreich führt. Aber die Russen sind so voll mit Wodka, da wird selbst Corona besoffen.

Aber was mich in Coronazeiten an die DDR im Supermarkt erinnert, ist, dass hier alle auf der Flucht sind, nicht vor Erich Mielke oder Margot Honecker, sondern vor Corona, vor sich selbst und vor dem anderen Ich. Jeder flieht vor jedem, eine reine Flüchtlingswelle, die sich da auslöst. Komisch, denke ich mir, warum haben die Ossis so viel Angst vor Flüchtlingen?

Der Einkauf gleicht derzeit einem Versteckspiel und ich fühle mich immer wieder an die Kindheit erinnert, wo man liebevoll Räuber und Gendarm spielte. Die einzigen, die nicht fliehen, sind Hochschwangere, sie genießen sogar Nähe mit dem Argument: „Ich bin Schwanger, ich kriege kein Corona.“ Wie Bulldozer fegen sie durch die Regalzeilen mit so einer ambivalenten Miene, einer Mischung aus „ich bin die Retterin der Nation, aber viel zu müde und schlechtgelaunt, Platz da“. Auch Mütter mit Kinderwägen sind nicht so ängstlich. Dann und wann werfe ich einen gutgelaunten Blick auf den Nachwuchs und entdecke Vaterfreuden, gleichwohl die ganze Schar nun auch wiederum nicht von mir sein kann, ich bin ja Stoiker und „Monsieur Teste“ obendrein .

An der Kasse im Supermarkt kommt man immer mehr mit Älteren in Kontakt. Ich habe mich an die liebenswürdigen Alten gewöhnt, zumal die Damen ja nicht meine, aber ich umgekehrt immer mehr ihre Zielgruppe werde. Während die Youngsters, aus Angst von der bösartigen Lungenkrankheit befallen zu werden, auf Distanz gehen, sind die Alten geradezu zutraulich. Ganz Alte haben den Ersten Weltkrieg, den Zweiten und die Diamantene Hochzeit überstanden, DDR, Wende, Massenarbeitslosigkeit und die Flüchtlingswelle inklusive, Merkel hingegen noch nicht, das sieht auch immer schlechter aus, macht sie doch gutes Spiel in schlechten Zeiten. Also, vor was sollen sie sich denn noch fürchten?

Zum Glück gehören sie nicht zu den Alten, die einsam sterben und ohne würdevolle Beerdigungen hinscheiden. Auch nicht zu denen, denen das Essen von ihren Nachkommen wie im Gefängnis vor die Tür gestellt, geklingelt und fluchtartig getürmt wird. Nein, sie sind gelassen wie ich, während die Jungen glauben, da kommt noch was. Je älter man wird, desto mehr weiß man doch, es kommt eigentlich nur der Tod, und der immer schneller. Die Jungen denken es geht noch positiv weiter, dachte ich auch, auch ohne Corona, ein Irrtum.

3.     Wenn ich nicht im Supermarkt bin, versuche ich mit Gummihandschuhen und Atemmaske zu essen

Die Coronazeiten sind hart. Aber ich spiele schon seit Lebensbeginn mit Handicap, nein, nicht beim Golf. Steißgeburt und Zangengeburt – beides kann ich unisono auf meine Person vereinnahmen. Der damalige Chefarzt der Gynäkologie, ein guter Freund meiner Eltern, sah finster drein und meinte das wird nichts – oder nicht sehr viel. Böse Zungen hätten formuliert. „Bei Dir haben sie ja auch den Embryo weggeworfen und die Nachgeburt großgezogen“. Aber auch das stört einen stoischen Zangengeburt- Monsieur Teste weniger. Ich habe mich mit Vorurteilen arrangiert und wie der noch nicht gefundene Impfstoff eine Immunisierungsstrategie entwickelt.

 Aber auch mein Spielraum ist in der Coronakrise eingeschränkt. Sportlich aktiv war ich eigentlich nie, ich hielt es da immer mit Winston Churchill –„No sports“. Eigentlich bin ich ein Nerd, nur ohne Programmierungserfahrung, also ein Steiß- und Zangengeburt, Monsieur Teste und ein Nerd. Nur beim Après-Ski habe ich dann und wann eine Ausnahme gemacht. Aber dieses Jahr war ich mal nicht in Ichgl, dem österreichischen Hot Spot, wo sich halb Europa angesteckt hatte. Und ich erinnere mich: Es gab ja schon einmal einen aus Österreich, wo sich halb Europa angesteckt hat, die Folgen sind bekannt. Ich hoffe nur Corona entwickelt nicht diese Dramaturgie, obgleich der französische Präsident Emmanuel Macron davon gesprochen hatte, dass wir im Krieg sind.

 Gerade versuche ich mit Messer und Gabel zu essen, manche sprechen in der Tat von einem Versuch, das ist auch schwierig mit Atemmaske und noch schwieriger mit diesen komischen Gummihandschuhen. Auch Stabmikado geht damit irgendwie schlecht und beim Kartenhausbauen fällt mir die ganze Bude immer wieder ein. Ich werde mich vorerst auch nicht an die Atemmaske gewöhnen, aber ich habe mir jetzt eine aus dem BH meiner Freundin gemacht, wenngleich dieser gleich meinen ganzen Kopf mit bedeckt. Hätten die Chinesen mal nicht so viele exotische Tiere gegessen, müsste ich jetzt mich nicht zum Affen machen.

4.     Mit den Gassigängen hat es sich dramatisch verändert

Vor Corona ging ich Gassi, ungern, dachte an Pampers für den Vierbeiner oder zumindest daran, dass sie es verstehen, allein zu gehen, quasi der autonome Gassigang; muss doch gehen wo alle über das autonome Fahren nachdenken und jetzt bald die Tracking App für Coronainfizierte kommt. Doch die Biester blieben erziehungsresistent. Ein Vorwurf, den ich nur zu gut aus meiner Partnerschaft als auch aus dem greisen Elternhaus immer wieder höre und mich, anders als Covid-19, dagegen schon immunisiert habe. Ich habe also eine Immunisierungsstrategie entwickelt und könnte eigentlich auch beim Robert Koch Institut anfangen. Dann müsste ich nicht zu Hause sitzen, sondern hätte jeden Tag eine Pressekonferenz mit Herrn Professor Drosten, der mittlerweile der George Clooney der Virologie – wie einst Georg Gänswein – der smarte katholische Heilbringer war. Frauen denken sowohl bei dem einen als auch bei den anderen, so lese ich immer wieder, zuerst gar nicht an Virologie oder Covid-19. Vielmehr umgekehrt: wie bekomme ich Covid-19 um endlich von dem smarten Typen aus der Charité persönlich untersucht zu werden.

Doch zurück zum Hund. Der ist derart immun gegen Befehle, dass sich diese Immunität wechselseitig aufschaukelt. Einer heißt  Theresa, aber weil sie braun ist und irgendwie immer Obdachlose und Asylanten anbellt, wollte ich sie Eva Braun nennen, aber das irritiert selbst in diesen Zeiten zu sehr. Zur Notduft und aus Verwechslung der Örtlichkeiten hatte der andere neulich einen Spanier als einen Baum erkannt und dementsprechend markiert. Der Spanier bedankte sich darauf hin aus einen für mich nicht zu erspürbarem Grund und ich suchte das Weite. Das ist eine völlig neue Qualität in der europäischen Verständigung dachte ich mir. In Italien ist es ganz verrückt. Dort ist es nicht selten, dass, um die Ausgangssperre zu umgehen, besonders schlaue Mitbürger mit Plüschhunden jetzt beim Gassi gesehen worden sind, nur um überhaupt in den Genuss von UV-Strahlen zu kommen.

Das Gassiproblem habe ich jetzt anders gelöst. Ich mache es wie in dem berühmten Film „Das Fenster zum Hof “  von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1954. Warum immer vor die Tür gehen, vielleicht bringt ihn dann, weil er mal wieder davongelaufen ist, im schlimmsten Fall, so ein Corona-Partygänger zu mir nach Hause und hustet mich noch an. Dann lasse ich doch die Hunde ganz elegant wie bei Hitchcock im Körbchen nach unten auf die Straße segeln.

Ich selbst komme mir in diesen Tagen wie eine Monade à la Leibniz vor, nein, dass ist nicht der Keks, den hat Bahlsen erfunden, nein das sind so eine Art metaphysische Konstrukte und Bausteine der Welt. In sich abgeschlossen und in prästabilierter Harmonie. Leibniz, in Halle geboren, war ja der Erfinder des Dualsystems, der Dezimalklassifikation, des Unterseebootes, der Integral und Differentialrechung. Von all dem habe ich wenig behalten, aber Monade, Einheit, fand ich schon vor dreißig Jahren gut – Deutsche Einheit. Das monadische Sein legitimiert auch endlich die einsamen Autofahrten in die noch einsameren und noch verlasseneren Städte – und es gibt viele Monaden, die es mir gleichtun. Früher wurden wir dafür als Umweltschweine geschimpft, jetzt achten wir auf Hygiene und isolieren uns selbst – jetzt sind wir zwar nicht klimaneutral, aber solidarisch.

5.     Ohne Angela Merkel bin ich einsamer denn je und schaue jetzt Prominachrichten

Meine Kanzlerin ist in Quarantäne. Das ist so als wenn mir jemand die Luft zum Atmen weggenommen hat, denn in den gefühlt fünfzig Jahren ihrer Regierungszeit ist mir die ostdeutsche Pastorenmutter ans Herz gewachsen und eigentlich kenne ich gar keinen anderen Kanzler. Es war immer Merkel, auch wenn es davor mal einen Saumagenesser gab und einer der „Cohiba“ im Maßanzug rauchte und Frauen wie AUDI-Ringe sammelte. Irgendwie fühle ich mich allein – wie Oliver Pocher, der ist ja auch in Quarantäne, was nicht nur seine Kritiker, sondern auch Michael Wendler und seine Freundin freut. Mit Wohlwollen höre ich, dass Neurentner Jürgen Drews Mallorca verschont, was wiederum die Insulaner freut, die nicht zum 50.000 Mal ein „Bett im Kornfeld“ hören müssen.

Dieser Tage musste ich mächtig mit dem Schicksal hadern, weil mir die Mutter Beimler, die zweite Mutti der Nation, und mit ihr mir die „Lindenstraße“ abhanden gekommen sind. Ich fühle mich so entwurzelt.

Dafür hat sich aber die erste Bundesmutti wieder aus der Quarantäne zurück gemeldet und mahnt uns zu Besonnenheit. Und das Gute an all diesen schlechten Nachrichten: Der Co2-Ausstoss und die Stickstoffdioxide gehen zurück. Das Klima erholt sich. Die Luft in den Städten wird sauberer. Und was keiner mehr dachte, die Bundeskanzlerin hat es geschafft, dass Deutschland in Folge der Coronakrise sein Klimaschutz-Ziel für das Jahr 2020 erreichen wird. Denn es könnten je nach Ausmaß der Krise nicht nur wie angestrebt 40 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 ausgestoßen werden, sondern sogar bis zu 45 Prozent weniger. Corona sei Dank. Aber man soll ja keine Witze über Corona machen, dies hat selbst der ehemalige Faschingsprinz Markus Söder gesagt. Ich mache es trotzdem.