Seit dem 13. Juni 2019 darf man sich in Deutschland auf so genannten „E-Scootern“ fortbewegen, das sind sehr neckische, aber auch tonnenschwere Elektrobetriebene Kinderroller. Vorgesehen ist, dass man sich die entsprechenden Wege mit den Radfahrern teilt, was prinzipiell schon mal keine gute Idee ist.

Von Bettina Müller

Ist kein Radweg vorhanden, dürfen die Roller auch auf der Straße fahren. Ist dem Scooter der Saft ausgegangen, werden sie abgestellt, vorzugsweise gesittet und nicht als Stolperfalle, was aber sowieso nie klappt. In der Nacht werden sie von unsichtbaren Menschen, die pro Scooter vier bis fünf Euro Schmerzensgeld erhalten, geortet, aufgelesen, abtransportiert, aufgeladen und am nächsten Morgen wieder frisch bereitgestellt. Kann so was gut gehen? Derzeit ist die Antwort ein klares Nein, dazu braucht man nur jeden Tag einen Blick in den Lokalteil seiner Zeitung zu werfen, die über die neuesten Unfälle berichten. Denn für das Fahren auf den Tretrollern bedarf es gewisser „skills“, die sich jedoch nicht nur auf das simple Bedienen und Fahren der immerhin 17 Kilogramm schweren Höllenmaschine beschränken, sondern auch auf menschliche Qualitäten wie Rücksichtnahme und Respekt. 

So kristallisierten sich schnell neue Fahrerkategorien aus dem Heer der Roller-Raser heraus, die hier in einer ersten Auswahl der Schlimmsten und vor allem Gefährlichsten zum Abschuss freigegeben werden sollen. Für das Ranking wurde in streng geheimen Berechnungen von der NASA der Intelligenzquotient der Probanden mit der Größe derselben multipliziert, durch das enorme Gewicht geteilt und dann zusammen mit den Rollern auf den Mond geschossen. Seitdem herrscht ewige Mondfinsternis.

Der Ölgötz

Wie eine ägyptische Mumie ist diese Spezies auf den E-Scootern festgeschraubt und scheint fast mit ihnen ganz natürlich verwachsen zu sein. Eine beängstigende Symbiose, ein kurioses Konglomerat von Mensch und Maschine lässt ihn geradezu als urbanen Zombie erscheinen, der aber nicht immer unbedingt schwarz trägt und/oder wie Dracula aussieht. Die Haltung ist stocksteif aufrecht, der Körper angespannt, der Gesichtsausdruck unbewegt bis verbissen, die Frisur sitzt. So gleitet der rollende Outlaw fast lautlos durch die Straßen der deutschen Millionenstädte und mäht alles nieder, was sich ihm verängstigt in den Weg stellt. War in einem früheren Leben wohl mal Jäger, vielleicht sogar der Terminator himself. Seine Augen sind kleine kalte Schlitze, die sofort jede Lücke blitzschnell registrieren, in die er sich vordrängeln kann, denn er ist bereit zu morden. Dabei macht er natürlich auch keinen Unterschied zwischen Rad- und Fußweg, Letzteren benutzt er im Ernstfall sowieso ganz nonchalant. Zu Recht muss man als kleiner gemeiner Fußgänger große Angst vor ihm haben. Ratsam ist daher, immer eine Schreckschusspistole (Achtung, kleiner Waffenschein erforderlich, bei der nächsten Polizeidienststelle zu beantragen) bei sich zu führen, um schnell ein paar Warnschüsse abzugeben. Natürlich in die Luft und nicht auf den Ölgötz, um Ärger mit den einschlägigen Ordnungshütern zu vermeiden. Schade eigentlich. Das Auge des Gesetzes greift augenscheinlich aktuell nicht regulierend in den Rollerwahnsinn ein, um die schlimmsten Rowdies sofort und effektiv aus dem Verkehr zu ziehen und sie der Abteilung „Teeren und Federn“ im Polizeipräsidum zu übergeben.

Der Poser

Lifestyle ist seine Religion, der Tretroller sein Altar, was sich aber auch schnell wieder ändern kann, wenn im nächsten Monat der nächste Hype an die Mahagoni-Tür klopft. Mit der einen Hand balanciert er souverän einen veganen Coffee-to-go-Becher, nimmt beherzt einen Schluck Kaffee mit hippem Flavour – der scheiße schmeckt, was er aber nie zugeben würde -, bevor er dann mit der anderen Hand versucht, seine Frisur zu richten. Das kann natürlich nicht gut gehen und so fährt er fast der nächsten Oma, die gerade bedächtig auf dem Gehweg mit einem Rollator entlang kriecht, in die Hacken. „Sorrrrryyyy!!“, schreit er immerhin noch im Vorbeirauschen in die vage Richtung seines verstörten Opfers, während die Oma den Schreck ihres Lebens erlitten hat und sich verdutzt nach dem Fahrer umschaut, der natürlich schon längst über alle Tour de France-Berge ist, denn Zeit ist Geld und er muss zu seinem nächsten Geschäftstermin. Oder zur Uni. Der Poser hat durch den Vorfall mit der Oma immerhin noch den leisen Ansatz eines minimalen Gewissens bewiesen, das unterscheidet ihn vom gemeinen Ölgötz (Berlichingia Oleum). Besonders schwierig zu erkennen sind hingegen die „Fusion“-Rollerfahrer. Sie vereinen geschickt und äußerst perfide die Anteile des Posers und des Ölgötz geschickt in sich und bringen somit den Fußgänger in noch größere Gefahr bis zu dem Punkt, wo er jede Sekunde um sein Leben fürchten muss. Aber auch ein vermeintlich seriöser Anzug kann keinen Garant für das souveräne Einordnen in eine Kategorie bieten. Der Anzugträger kann ebenfalls Elemente des Posers oder des Ölgötz in sich tragen, und genau das macht ihn so brandgefährlich.

Die Party People

Sie sind ebenfalls extrem gefährlich und eigentlich wäre für diese Kategorie jedes Mal eine ganz besondere aktuelle Terrorwarnung angebracht. Nach außen hin immer freundlich kichernd und zu Scherzen aufgelegt, ist diese harmlose Fassade äußerst trügerisch, denn dahinter verbergen sich Bestien. Sie neigen dazu, einem nach einer Party mindestens zu zweit und stark schwankend auf dem Roller entgegenzuschlingern, natürlich auf dem Fußweg, denn das können sie besoffen nach dem Besuch der Spaß-Location nun wirklich nicht mehr unterscheiden. Das kindliche Element des Rollerfahrens scheint hier vom psychologischen Ansatz her eine immens große Rolle zu spielen, weil für Kinder Gesetze noch nicht gelten können und sie somit von Restriktionen ausgeschlossen sind. Immerhin ist eine große und zuverlässige Konstante bei dieser Kategorie, dass man sie tagsüber eher nicht fürchten muss, denn sie sind reine Nachtgewächse. Da sie sich in der Regel auch schon lautstark von weitem mit lautem Gekreische ankündigen, kann der Fußgänger jedes Mal spontan vorsorgen und sich mit einem beherzten und sportlichen Sprung in das nächste Gebüsch souverän in Sicherheit bringen. Mittlerweile bietet die Volkshochschule auch entsprechende Kurse für solche tollkühnen Slapstick-Auftritte an, die das Straßen-Publikum garantiert zum Toben bringen.