Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Das Rezept in der Illustrierten, die sich inzwischen Magazin nennt, geht etwa so: Man nehme Wassermelone („Geschmacksbombe“) und Crevetten („ohne Darm“), dann kommen noch Fleischtomaten, Chilischote, Limette und Wasabinüsse dazu, das sind die scharfen grünen. Alles mischen und: Guten Appetit. „Schischi“, sagt Judith kurz. Es war gut, dass ich noch etwas gebratenes Brot mit Knoblauch dazu gemacht hatte.

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Judith und ich stehen derzeit an der Schischi-Grenze. Sie kommt automatisch auf den zu, der schon das eine oder andere Jahrzehnt erlebt hat. Alle, die so lange leben wie wir, erreichen unweigerlich die Schischi-Grenze. Bei den einen ist die Folge, dass sie gleich, wenn sie ins Haus reinkommen, ein ernsthaftes Gespräch über Vorbilder in der Geschichte und Eheprobleme im Schlafzimmer beginnen, weil sie dieses ganze Schischi eben nicht mehr haben wollen. Das Leben, haben sie erfahren, ist zu kostbar für Schischi. Deswegen kommen sie immer gleich schmerzhaft auf den Punkt.

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Andere stürmen sofort ins Wahre und Reine: Ein Spaziergang, bei dem nicht 1000 Höhenmeter bewältigt werden, ist etwas für Warmduscher. Aus Fleisch muss in der Mitte noch das Blut laufen. Eine Uhr heißt Chronograph und hat ein mechanisches Herz. Ihre Kinder heißen immer Fritz und niemals Dennis, und die Schuhcreme kommt von Manufaktum.

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Die Wahren und Reinen waren auch am Wochenende unterwegs. Ohne Schischi sind die einen auf die Demo gegangen und haben gerufen: „Zeigt her eure Gesichter!“ Sie meinten damit: ohne die weitverbreitete Mund-Nasen-Maske. Ohne Schischi schauten die anderen sich das an und empörten sich: „Wie verantwortungslos!“ Die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken, die oft schneller twittert, als sie denkt, nennt solche Menschen „Covidioten“. Und so stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber, und nichts geht voran.

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Ach Judith, weißt Du, ich glaube: Mit Schischi ist es eben doch ein bisschen besser. Das Leben braucht Lametta, und ich halte auch mal einen Smalltalk übers Wetter.

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Wir haben uns übrigens am Wochenende hübsche Haute-Couture-Masken anfertigen lassen und ziehen sie an, bevor einer meckert. Darunter lachen wir, und zum Essen müssen sie sowieso weichen. Egal ob für Wassermelonencrevetten oder blutiges Knoblauchbrot.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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