Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Es soll in diesem Beitrag um die Augenweide gehen. Wir werden zunächst zeigen, warum das ein wunderbarer Begriff ist, anschließend ein bisschen abschweifen, um am Ende wieder darauf zurückzukommen. Wie wir darauf gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich Judith zugerufen: „Du bist eine Augenweide.“ Ich behaupte mal, so war es, aber darauf kommt es nicht an. 

Das Wort an sich ist reines Kopfkino: Eine Weide, saftig grünes Gras und unsere Augen können sich daran nicht satt sehen. Augen sind sowieso ziemlich gefräßig, weil es mitunter Kinder mit hungrigen Augen in Indien gibt, aber ich ganz selten von Kindern mit satten Augen beispielsweise in München-Lochhausen erzählt bekommen habe. Das Wort gibt es außerdem nur in unserer Sprache.

„Gemütlichkeit“ ist auch so ein Wörtchen, das es nur in unserer Sprache gibt und das in diesen Adventstagen den Sehnsuchtszustand einer ganzen Nation beschreibt. Es steckt „Gemüt“ darinnen, das ja gemeinhin als Gegenpol zu „Verstand“ betrachtet wird. Wenn die Deutschen also mal wieder in ihre Gemütlichkeit versinken, haben sie möglicherweise den Verstand verloren, da sie ansonsten in der Verständlichkeit unterwegs wären. 

LESEN SIE VON OLIVER STOCK & JUDITH WAGNER AUCH: EIN-BISSCHEN-BESSER ODER DAS LEBEN DER ANDEREN

Zur Gemütlichkeit gehört spätestens seit dem ersten Adventssonntag auch der Weihnachtsschmuck. Bei uns war so viel los, dass wir den bislang ignoriert haben, und nun wird es höchste Zeit, weil die Nachbarn ordentlich vorgelegt haben. Balkongirlanden, hellerleuchtete Sträucher, Tannenzweige, wo niemals eine Tanne stand, künden von einer schönen Bescherung, und ich sage zu Judith: „Ich möchte ein Erzgebirgsengelchen in einer mundgeblasenen Kuppel, die leise tönt, und in der beim Schwingen der Schnee rieselt.“ – „Ein bisschen besser“, sagt Judith, „wäre es, Du suchst vor deinem Erzgebirgsengelchen-in-einer-mundgeblasenen-Kuppel-die leise-tönt-und-was-weiß-ich mal den Christbaumständer im Keller. Der ist nämlich weg.“

Ich gehe hinunter in den Keller und muss sagen, Judith hat Glück, dass sie so eine Augenweide ist, sonst wäre ich nämlich hoch zu den Engeln gegangen.

LESEN SIE VON OLIVER STOCK & JUDITH WAGNER AUCH: EIN-BISSCHEN-BESSER ODER RUMMEL UM ROMMEL

UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
info@einbisschenbesser.de