Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Die Talsperren sind voll. In all dem Trubel ums Impfen, ums zu Hause bleiben, ums Nicht-Treffen ist dieser Tage untergegangen, dass wir in den Talsperren wieder untergehen könnten, weil das Wasser tief genug dafür ist. Seit fünf Jahren waren sie nicht mehr so voll wie heute. Uns steht damit ein Sommer bevor, in dem wir nach Herzenslust Autowaschen oder morgens und abends und mittags duschen können.

Schuld daran ist der Regen. Hier im Rheinland hat es seit zwölf Wochen keine dreizehn zusammenhängenden Stunden mehr gegeben, in denen es nicht geregnet hat. Gefühlt war das jedenfalls so, wobei „gefühlt“ heißt, dass es wahrscheinlich falsch ist. Aber alle Menschen und insbesondere Radiomoderatoren benutzen dauernd dieses „gefühlt“, also benutzen wir es auch, und damit ist es doch wahr, und es zeigt am Ende auch unseren Optimismus: Falls ich aufstehe und missmutig feststellen sollte, dass die Regentropfen mal wieder ans Fenster klopfen, ruft Judith unglaublich munter: „Die Talsperren sind voll“ – und der Tag ist gerettet.

Dahinter steckt dieser Wer-weiß-wofür-das-gut-ist-Mechanismus. Der geht so:  Wir müssen alle zu Hause bleiben? Das ist Quality-Time für die Familie. Die Grenzen sind dicht? Eine Chance, unsere Heimat bis in ihre schattigsten Winkel zu entdecken. Präsenzunterricht gibt es nicht? Juchu – auch bei mir sitzen neuerdings die englischen unregelmäßigen Verben besser. Oma besuchen geht nicht? Jetzt hat sie endlich gelernt, mit dem Bildtelefon umzugehen. Der Mechanismus funktioniert wie eine Kompassnadel, die ständig nach Süden zeigt.

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Nur: So ein Kompass ist kaputt. Er müsste dringend zum Kompassmacher, der ihn mal richtig einnordet, wie mein Vater das früher einmal im Quartal mit mir gemacht hat. „Ein bisschen besser“, stellte er dann fest, „ist es, bei der Wahrheit zu bleiben.“ Und die heißt: Unregelmäßige englische Verben sind nutzlos, solange wir auf keine englisch sprechenden Menschen treffen, die – wie wir – nicht reisen können. Und Family-Quality-Time hätten wir gern mal wieder mit Oma und nicht ständig mit den Rotzgören. Und überhaupt: Das Autowaschen wird wirklich überbewertet.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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