Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Deutschland ist das Land der Dichter und Denker, und jetzt ist noch einer dazugekommen. Er heißt Lothar Wieler, ist Präsident des Robert-Koch-Instituts und hat eben diesen kühnen, diesen schier unglaublichen Satz gesagt: „Die Zahl der Corona-Neuinfektionen hat unter den Maßnahmen des Wellenbrecher-Lockdowns ein Plateau erreicht.“ Judith, komm, schließ die Augen und lass und träumen.

Wir liegen am endlosen Strand von Trouville, wo sich vor knapp 200 Jahren Gustave Flaubert bedeckt mit leinenen Badekleidern unsterblich in die etwas ältere Elisa Foucault verliebt. Sie schreitet unter ihrem weißen Sonnenhut den Wellen entgegen, die sich an durch Salz, Sonne und Wasser schnell verrottenden Holzpalisaden brechen. Die Gischt spritzt und der fischige Geruch des Meeres zieht mit dem Wind über den Strand. Für den jugendlichen Gustave wird der Strand des normannischen Seebads zum Hochrisikogebiet. „Es gibt vielleicht Frauen ohne Fehler. Aber es gibt sicher Frauen, deren größter Reiz in der Vollkommenheit ihrer Fehler liegt“, schießt es ihm durch den Kopf, und er schafft Weltliteratur.

Dann dieses abgehackt, aber doch luftig leicht ausklingende „Lockdown“. Es beschreibt den Zustand der Isolation, der Eindämmung oder des eingeschränkten Zugangsschreibt das Oxford English Dictionary. Ist nicht der Graf von Monte Christo im Zustand der Isolation, der Eindämmung? Verleumdet am Tag seiner Hochzeit, ohne Gerichtsverhandlung verschleppt auf Île d’If, dort in den Kerker gestoßen. „Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten Harren und Hoffen“, kritzelt der Graf in einen Felsen seines Kerkers, bevor er entflieht und einen Rachefeldzug startet, gegen den Judiths Vergeltungsmaßnahmen, weil ich noch immer nicht das Auto gewaschen habe, ein Fliegenfurz sind.

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Und schließlich das Plateau. Das berühmteste, das wir mal gesehen haben, ist der Tafelberg in Kapstadt. Nelson Mandela muss ihn im Dunst ahnen können, wenn er während seiner 27jährigen Haft von Robben Island hinüber zum Festland schaut. „Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Furcht ist, sondern der Triumph darüber“, schreibt Mandela an den Tagen, als er das Plateau des Tafelbergs aus dem Augenwinkel erblickt, in sein Tagebuch.

Triumph, Vollkommenheit, Harren, Hoffen: Es ist wirklich ein bisschen besser, dass Lothar Wieler Präsident ist und nicht Lothar Matthäus. Der hätte bloß gesagt: „Wir dürfen jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken“, und wir wären niemals so sanft durch die Weltliteratur gesurft. Danke, Lothar.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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