Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Die Möwe. Sie heißt immer Jonathan, aber diese haben wir Selma getauft, wie Selma Lagerlöf, die Nils Holgerson erfunden hat, den Jungen, der auf einer Gans durch die Luft geritten ist. Nils und die Gans hingen einmal aus Holz an einem Bindfaden über meinem Bett. Selma ist heute auf einem Schornstein über den Dächern von Venedig zu Hause. Das heißt, zu Hause ist Selma eigentlich nirgends, sie landet, sie ruht, sie wartet auf niemanden, denn niemand wartet auf sie. Gewöhnt an menschliche Gesichter, deuten wir die Verlängerung ihres Schnabels nach hinten als das angedeutete Lächeln, das der Scaramouche aus der Commedia dell´Arte trägt, die in dieser Stadt allgegenwärtig ist. Scaramouche, Selma und Nils sind ein betörendes Team.

Wenn Selma aufsteigt, verlässt sie sich auf ihre scharfen Augen, die sie Fliegen und Fische erkennen lässt, denn als erstes muss der Magen voll sein. Ein leerer Magen fliegt nicht gern, hätte ihre Oma gesagt. Mit dem guten Gefühl, die nächsten Stunden ohne eine einzige weitere Heuschrecke auszuhalten, schwebt sie höher, lässt die Lagune weit unter sich, nimmt den Luftweg durch die Lombardei auf die hohen puderzuckrigen Berge zu, den Schwärmen der Artgenossen entgegen, die es nach Süden drängt. Sie ist die Einsame, die gegen den Strom fliegt, die kaum einer wahrnimmt, weil die anderen da oben beschäftigt sind, den Kurs zu halten und geradeaus zu wollen. Sie ändert die Flughöhe, weicht aus, segelt, kurvt, schwingt und sinkt hinab über Deutschland.

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Sie sieht Frauen. Sie sieht Männer. Sie sieht Kinder. Sie sieht Masken. Aber es sind nicht die aus Venedig. Die Komödie da unten ist eine Posse. Es wimmelt nicht. Es ist wie eingefroren. Selma sieht Arbeitende, aber keine Spazierengehende. Sie sieht Hastende, keine Tanzenden. Selma hört Motoren, keine Musik. Selma riecht Schweiß und er riecht nach Angst. Selma spürt Hitze, die von Anstrengung stammt. Selma entscheidet, es ist ein bisschen besser, ich kehre um. Sie schließt sich dem Schwarm nach Süden ab. Jetzt ist sie die Namenlose. Die Erschrockene, die mit ratterndem Flügelschlag die Flucht ergreift.

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„Du schnarchst.“ Ich schaue auf. Es ist keine Holzgans am Bindfaden, sondern es ist Judith. „Wir sollten packen, zu Hause warten sie auf uns“, sagt sie. Bevor wir das Vaporetto, den Zug, das Auto zurück nach Deutschland nehmen, zwinkere ich Selma zu. Sie sitzt grinsend auf dem Schornstein. Ich glaube, sie ist gar nicht losgeflogen.

UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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