Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Der Nomadentrieb ist literarisch gut dokumentiert. Karl May ließ seinen Old Shatterhand zum Indianerretten in die Prärie reisen und der Ruhrpott-Philosoph Hape Kerkeling schrieb „Ich bin dann mal weg“. Es wurde ein Bestseller. Udo Jürgens träumte beim Zigarettenholengehen von New York. Und als wir neulich einen Berg erklommen, schlugen wir den Weg nach Westen ein in die Richtung, wo genau nicht unser Zuhause lag.

Judiths und meine Theorie lautet: Reisen bildet. Wenn du in den Urlaub reist, zerrst du an dem Band, das dich mit der Heimat verknüpft.  Du spannst es, und es darf auch mal reißen. Dann entstehen hinreißende Sätze wie: Lass uns einfach die Nacht durchfahren, Schätzchen. Das Radio spielt deine Favoriten. Das Leben – ein einziges Roadmovie.

Heute ist mehr Stilleben. Unser Minister für Volksgesundheit hat praktisch die ganze Welt zum Hochrisikogebiet erklärt und jeder, der aus dem Ausland nach Hause kommt, muss sich auf Corona testen lassen oder in Quarantäne begeben. Old Shatterhand und Hape säßen heute gemeinsam in Quarantäne und Udo hätte keinen Gedanken an New York verschwendet. Dass beim Techno-Wums auf der Berliner Hasenheide die Ansteckungsgefahr so hoch ist wie zu besten Zeiten am Ballermann, und dass an den einhändig abzählbaren Badestränden in NRW die Menschen in Sardinenmanier beieinander liegen – Schwamm drüber. Die Gefahr, sie lauert eindeutig im Ausland.

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Stilleben auch in den Schulen. In zerteilten Klassen und hinter Masken versteckt, beginnt der Unterricht.  „Papa, ich möchte wieder zu Opa“, sagt mein Jüngster. Opa ist Jäger und die Jagd nach dem Bock erscheint dem Jüngsten aussichtsreicher als die Jagd nach Bildung.

Ein bisschen besser wäre es, es gäbe endlich wieder andere Themen. Wo steckt eigentlich das Ozonloch in diesem Sommer? Hat denn keiner Greta gesehen? Kann ja nicht, weil alle brav zu Hause bleiben. Nomaden haben immer viel zu erzählen. Stubenhocker dagegen sind sterbenslangweilig. Die einen reden von Kulturen, die anderen von Krankheiten. Judith, komm wir wandern weiter Richtung Westen der Abendsonne entgegen. Zu Hause lässt uns eh keiner mehr rein.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
info@einbisschenbesser.de