Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Das Spiel geht so: Du nimmst deine Hand und streichst sie vom Haaransatz runter zum Kinn, dann ziehst du sie weg und hast ein strahlendes Gesicht. Danach die umgekehrte Prozedur: Die Hand bewegt sich vom Kinn zum Haar, wegziehen und: Das Gesicht weint. Kleine Jungs und Mädchen bis zum zarten Alter von circa dreieinhalb Jahren sind gleichermaßen verblüfft, wie beglückt von diesem Schauspiel.

Karl Marx, der wirklich nichts dafür konnte, dass Generationen von Politikern mit seinen Werken unterm Arm Staatformen konstruierten, die am Leben der Menschen vorbeioperierten, hat – wir wissen es allerdings nicht ganz genau – dieses Spiel auch gemocht und ihm ist dabei dieser Satz eingefallen: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Marx hat erkannt: Setz ein Weinen auf, und die Welt sieht traurig aus. Eignest du dir dagegen ein Lächeln an, scheint ruckzuck die Sonne. Ja doch, verkürzt lässt sich das sagen, glauben wir.

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Judith und ich hatten dieses Spiel ganz vergessen in unserem alltäglich Sein, das aus Fußbodenwischen, die Schönheit des Augenblicks im Bild festhalten, Bruchrechnung sechste Klasse, Auto in die Werkstatt bringen, kreative Texte schreiben und Netflix und Nudeln besteht. Wir hatten unsere Wir-schaffen-das-Miene aufgesetzt und flitzten aneinander vorbei. Ein bisschen besser wäre es gewesen, wir hätten uns an unserer Hündin ein Beispiel genommen: Ihr Schwanz rutschte zwischen Montag und Mittwoch täglich einige Zentimeter tiefer. Am Donnerstag hing er dann. Es war unübersehbar, und wir beschlossen, unser Leben grundsätzlich zu ändern.

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Wir sind in ein einsames Tal gefahren, auf halber Höhe liegt die feste Hütte in der Sonne, Palmen ragen grün aus einem Steingarten, Eidechsen rascheln unter den Blättern des letzten Jahres, auf dem Grund des Tals rauscht ein Schmelzwasser-Fluss, Gipfel im Süden schimmern schneeweiß, in der Dämmerung rufen die Käuzchen. Das Sein dringt tief ins Bewusstsein, zuerst sichtbar bei der Hündin samt Schwanz, ein paar halbe Stunden später bei uns.

Das alte Spiel – es war wieder da. Und wir waren nicht die Erwachsenen, die die Spielanleitung studierten und es vormachten, sondern wir waren die Kinder, denen sich das lachende Gesicht der Welt zugewandt hatte. Gerade eben beim nieselregnerischen Nudeleinkaufen im Netto-Markt hat es mir nochmal zugezwinkert. 

UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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