Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Immanuel Kant, in Königsberg geboren, dort aufgewachsen, gelehrt und ebenda gestorben, ist in diesen Zeiten des Zuhausebleibens ein Vorbild an Klarheit. Nur bei den Mahlzeiten machte er eine Ausnahme vom selbstgewählten Lockdown light, weil er festgestellt hatte: „Allein essen ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund.“ Ansonsten wurde im Hause Kant nachgedacht, was das Zeug hielt, Billard gespielt, Zeitung gelesen. Geliebt wurde wenig. Frauen jedenfalls sind nicht überliefert. „Der größte Sinnesgenuss, der gar keine Beimischung von Ekel bei sich führt, ist, im gesunden Zustande, Ruhe nach der Arbeit“, stellt Kant zu diesem Kapitel fest. Was sein Geist unter diesen Voraussetzungen der Askese ausspuckte, war reine Vernunft.

Judith und mir geht es fast auch so: Kleine Dinge werden dann groß, wenn keine größeren Dinge in Sicht sind. Zum Beispiel stolperte ich gestern über einen Artikel, der getreu dem journalistischen Standesregeln mit einem Erdbeben anfing und sich dann langsam steigerte: Es ging um den Untergang der Titanic, den 75 Prozent der Frauen, aber nur 20 Prozent der Männer überlebten. Schuld war dieses männliche Gehabe, von wegen „Frauen und Kinder zuerst“. Die langsame Steigerung des Beitrags mündete in der Feststellung, dass das Coronavirus Männern heutzutage deutlich mehr zu schaffen macht als Frauen. Auch hier gilt fast die Titanic-Proportion: Jedenfalls sind 70 Prozent der Betten in Krankenhäusern mit männlichen Corona-Patienten belegt. Kulant, geradezu eine späte Gerechtigkeit für die Titanic und Ausdruck reiner Vernunft wäre es jetzt, wenn Frauen beim Impfen sagten: „Du zuerst, Liebling.“

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Aber diese Debatte führen wir nicht. Also jedenfalls nicht außerhalb von Judiths vier Wänden, in denen ich wohne, und wo ich ganz nach Belieben den Marquis von Posa geben darf und ausrufe: „Judith, ich fordere Gedankenfreiheit.“ In dieser intellektuell aufgeladenen Atmosphäre diskutieren wir große Fragen, wie die der Gleichberechtigung. Dann stellen wir fest, während sie mir einen Kaffee kocht, und ich ihr das Auto putze, dass es ein bisschen besser ist, Gesten der Zuvorkommenheit nicht sexistisch aufzuladen. Das Leben wird ansonsten unglaublich kompliziert. Man kann dabei sogar untergehen. Auch ansonsten haben die Großdenkerinnen und Großdenker nicht ständig recht. Judith und ich entscheiden da sehr differenziert. In Sachen Alleinessen liegt Kant goldrichtig, bei der Frage nach dem größten Sinnesgenuss ohne Beimischung von Ekel sind abseits von Königsberg andere Antworten denkbar.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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