Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Judith und ich werden nicht alt. Das ist eine Laune der Natur, für die wir sehr dankbar sind. Wenn wir die Welt um uns herum betrachten, altert alles andauernd und rasant, und wir kommen häufig abends von einem Besuch bei Freunden nach Hause und sagen: „Ist der aber alt geworden.“ Oder: „Sie wird auch langsam tüttelig.“ Wir stellen uns dann vor den Spiegel, betrachten uns wohlgefällig, machen ein paar Gedächtnisübungen nach dem Prinzip: „Wo ist der Spiegelsaal von Versailles?“ Dann schlummern wir, glücklich, dem Rad der Zeit entronnen zu sein, dem Morgen entgegen.

Klar, ich kann beim Sockenanziehen, den linken besser überstreifen als den rechten, weil das Bein einfach nicht mehr ganz so hochkommt. Und es passiert auch hin und wieder, dass mir nachts diese kleinen Tierchen, die sich Kalorien nennen, die Kleider enger nähen, aber wenn ich dann runter an den Kaffeehalbautomaten gehe, von dem ich mir nie die richtige Reihenfolge merken kann, in der der Kaffee gebrüht werden muss, dann ist die Welt in bester Ordnung. In 57 Prozent der Fälle haue ich dann auf dem Weg zum Bäcker die Tür hinter mir zu, drehe um und öffne sie wieder, weil ich etwas vergessen habe: Den Hund, den Mund-Nasenschutz oder ich habe einfach vergessen, nochmal ein männlich-dröhnendes „Guten Morgen“ in die Bude zu brüllen. So ziehen die Tage der ewigen Jugend dahin.

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„Ein bisschen besser“, hörte ich neulich jemanden sagen, „ist es, dass das Leben endlich ist.“ Denn nur ein knappes Gut lässt sich wirklich wertschätzen. Wir meinen: Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Zigaretten zum Beispiel dürfen bei Judith niemals ein knappes Gut werden, denn dann ist sie sehr unglücklich. Mir geht es ähnlich – allerdings vorwiegend mit Gummibärchen. Beide können wir auch gar nicht genug bekommen von lustigen Ideen. Und es ist mitnichten so, dass wir davon nicht jede einzelne schätzen, nur weil es sie so oft gibt.

Eine besonders Lustige fällt mir gerade ein: Lass uns heute mal älter werden Judith. Nur einen Tag. Ich glaube, zusammen fühlt sich das echt gut an.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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