Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Es gibt Dinge, die sind zum Glück völlig ungerecht verteilt. Die Freude zum Beispiel ist so ein Ding. Sie beginnt ganz langsam, steigert sich mit Blick auf die bevorstehende Erfüllung und hält anschließend, wenn alles gut läuft, ein Weilchen an. Am Ende hinterlässt sie glückliche Erinnerungen. Habt ihr mal die Gänse schnattern hören, die am Himmel nach Süden ziehen? Das ist artikulierte Vorfreude.

Im Gegensatz zum Ärger. Es gibt eine Vorfreude, aber keinen Vorärger. Es gibt ein Freudenhaus, aber kein Ärgerhaus. Der Ärger kommt meistens plötzlich, entlädt sich, und er hält zwischen zwei und 20 Minuten an, dann ist er aber wirklich verraucht. Bei mir jedenfalls. Bei Judith kann ich da nicht genauer hineingucken, denn sie ist eine Frau. Aber klar ist: Bei beiden Geschlechtern ist Freude und Ärger ungerecht verteilt, die Freude dauert meistens länger, und das ist schonmal gut so. 

Judith und ich haben unser Leben in verschiedene freudige Ereignisse eingeteilt. Da gibt es die sich wiederholenden Kurzfristigen wie das Essen. Das beginnt mit der Auswahl im Geiste und dem Einkaufen, macht dann eine Pause, während die Zutaten im Kühlschrank ruhen, steigert sich rapide während der Zubereitung, explodiert während des Verzehrs und geht mit anhaltendem Sättigungsgefühl und beim Reste aus dem Topf kratzen in die Verlängerung. Neulich habe ich Judith zugeraunt, sie solle nicht so viel Reste fressen und das gab explodierenden Ärger von knapp 20 Minuten Länge, vermutlich weil ich die Nachfreude unterbrochen oder tatsächlich „fressen“ gesagt hatte. Ich habe da eine Erinnerungslücke.

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Eine ganz neue Vorfreude ist die aufs Impfen. Seitdem jüngst ein aussichtsreicher Impfstoff gegen Corona von einem grundsympathischen Forscherehepaar vorgestellt worden ist, steigt bei uns die Vorfreude, dass es schon bald wieder vorbei ist mit diesem zähen Lockdown. Wir haben uns mit Blick auf das freudige Ereignis etwas einfallen lassen und uns schon mal gegen Grippe impfen lassen. Das war wie Nikolaus, der 18 Tage vor dem Weihnachtsfest ahnen lässt, wie es wird, nur ohne Stiefel. Allein für einen ausgewogenen Freudenhaushalt ist es also ein bisschen besser, sich impfen zu lassen. Und das Geschnattere darum deuten wir an dieser Stelle als Ausdruck intensiver Vorfreude. 

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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