Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Wir beide sind kein Stück materiell veranlagt. Wir schätzen wahre Liebe, echtes Vertrauen, Gesundheit, Freiheit und eine heiße Badewanne. Wir glauben Armin Laschet, wenn er von seinem Vater, dem Bergmann berichtet, der 1000 Meter unter Tage lernte, was es bedeutet zusammenzuhalten, es dann seinem Sohn erklärte, der deswegen jetzt der Beste ist, um die Union zu vereinen. Und wir fragen auch nicht unseren Außenminister Heiko Maas, für den der Sturm aufs Capitol „keine Überraschung“ war, warum er ihn dann nicht vorausgesagt hat. 

Aber manchmal, also wirklich nur manchmal, da wollen sich Judith und ich auch mal was Schönes gönnen. Und weil die Geschäfte schon solange zu sind, dass wir vergessen haben, wann das war, und auch alle dauernd vergessen, einen Tag zu nennen, an dem sie wieder aufhaben, gehen wir dann eben online shoppen. Es müsste eigentlich heißen:  Wir sitzen online shoppen. Oder wir liegen online shoppen. Denn mit gehen hat es überhaupt nichts zu tun. Aber es sind halt die Erinnerungen an vergangene Zeiten, die in diesen Worten noch mitschwingen. Schöne Erinnerungen an offene Geschäfte, Anprobeorgien in viel zu engen Kabinen mit halb zugezogenen Vorhängen, einem Caffè Latte zwischendurch. Und anschließend passte die Hose.

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Beim online shoppen gehen ist das anders. Die Kabine ist nicht eng, denn sie ist unser Wohnzimmer. Dafür kann ich nicht über den Vorhang rufen: „Judith, bring doch bitte eine Nummer größer“, was circa eine Minute dreißig dauert, sondern muss die zu kleine Hose wieder einpacken, das Paket beschriften, es zum Shop bringen und bekomme mit Glück nach einer Woche und drei Tagen ein passenderes Stück. Manchmal funktioniert es auch nicht, wie zum Beispiel letzte Woche, als ich mir eine „taktische Jagdhose“ bestellt hatte, die nach drei Wochen Lieferzeit kam und allenfalls als Putzlappen für den Eingangsbereich taugt. Zurückschicken ist nicht, weil der Händler zur eigenen Sicherheit keine Adresse hat. Vor dem Shop möchten wir hier ausdrücklich warnen. Er heißt Cotosen und mein Geld ist mal wieder futsch. Mir ist das eine Lehre. Ich hätte vorher überlegen sollen. Schon bei der „taktischen Hose“ hätte ich tiefer bohren sollen, denn so eine Hose lässt ja doch Spielraum für die Fantasie: „Judith, ich habe heute extra meine taktische Hose an, wollen wir hochgehen?“

Ein bisschen besser ist es jedenfalls, es mit dem online shoppen gehen nicht zu übertreiben. Wahre Liebe sieht über ein bisschen abgetragene Klamotten nämlich hinweg. Und zur Not glaubt Judith mir, wenn ich die hellen Stellen in der braunen Cordhose als Vintage deklamiere. Wir halten jedenfalls zusammen, auch wenn mein Vater Anwalt ist.

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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