Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Wir haben einen Plan gemacht, Judith und ich. Einen Abend geht sie bei mir essen, bei „Chez Olivier“. Den nächsten Abend bin ich bei „Chez Judith“ verabredet. So wie heute. Der Duft gebratener portugiesischer Würste zieht schon durchs Wohnzimmer. Sonst – also wenn gerade mal nicht Lockdown ist – sind wir oft beim Portugiesen um die Ecke. Inzwischen haben wir rausgekriegt, wo der Portugiese einkauft und gehen selbst dort hin.

Unser Plan geht noch weiter. Er ist wirklich ausgeklügelt. Anstatt nur im Hoody und Jeans rumzulaufen, holt Judith gern den grünen Rock hervor, und ich werde morgen wieder die Weste anziehen, vielleicht mal mit Krawatte. Wir werden im Lockdown niemals abrutschen. Jedenfalls nicht optisch. Wir bestellen vom zur Neige gehenden Geld das eine oder andere Kleid und Jackett in diversen Online-Geschäften und fühlen uns dabei wie die Blaskapelle auf der Titanic. Und wenn dann der Postbote klingelt, ist es immer ein Erlebnis: Der Mann in Gelb rollt wie eine Mischung aus zackigem Hofkommandant und verspäteten Weihnachtsmann mit seinem kleinen eisernen Wägelchen Pakete übers Kopfsteinpflaster und ruft die Nachnamen der Belieferten aus. Die Nachbarn in unserem Hof machen es genauso wie wir und gucken auch schon aus ihren Türen. Wir wissen dann alle, dass die anderen auch noch da sind. So eine Hoflieferung ist in diesen Zeiten schon mal schnell der Höhepunkt des Tages.

Am Freitag habe ich mir noch einen Höhepunkt gegönnt, als ich die asiatische Putzfrau des besten Freundes einer ehemaligen Freundin besuchte, die derzeit im Flur zwischen Küche und Wohnzimmer einen illegalen Frisörsalon betreibt. Ich saß auf einem Ikea-Klappstuhl vor dem Garderobenspiegel und konnte irgendwann mein Gesicht wiedererkennen. Frisch gestriegelt, satt und tadellos gekleidet klopften Judith und ich dann pünktlich um 19 Uhr ans obere hintere Zimmer links, wo Judiths kleine Tochter gemeinsam mit einer Freundin ihre Galerie „Klein-aber-fein-und-rund-aber-bunt“ betreibt. Dort kaufen wir seit drei Tagen regelmäßig Kunst. Der Geldkreislauf in unserer Wohnung kennt ohne Frage nur eine Richtung: nach oben hinten links.

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Wir machen uns das Leben also wirklich ein bisschen besser, und die zwei Sträuße mit gelben Tulpen und der Rosen-Diestel-Strauß tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei. Trotzdem geben wir zu, dass es ganz schön wäre, wenn der Lockdown Ende Januar oder Ende Februar oder Ende März oder spätestens im April mit Blick auf Mai gelockert wird. Wie lange er auch dauert: Ich selbst bin sehr froh, dass mich die 15-Kilometer-Regel niemals treffen wird, weil ich immer einen triftigen Grund haben werde, jede Distanz zu überwinden: Er nennt sich Judith

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UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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