Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Neulich hat uns das Glück getroffen. Es passierte auf einer Lichtung hinter dem Wald, über die ein Bächlein wie aus einem Märchen floss. Das Wasser hüpfte einige Steine hinab, floss als lebhaftes Rinnsal über die Wiese und landete ganz hinten, wohin das Auge nicht reicht, in einem sich windenden Fluss. Wir beschlossen, an der Stelle zu rasten, ließen uns nieder und genau in diesem Augenblick riss zum ersten Mal in diesem Jahr der Himmel auf, und für ein paar Minuten war unser Platz von einem Sonnenstrahl erhellt. Also genau gesagt: Der Strahl landete etwa 20 Meter hinter uns, aber das ist für den Verlauf dieser Geschichte völlig zweitrangig. Sie plätschert so zielstrebig dahin wie das Bächlein zum Fluss.

Es geht ums Glück, was wir auf dem Weg zur Lichtung als Thema durchgenommen hatten. Und es ergab sich zufällig, weil eine Freundin sagte, sie habe ein Preisausschreiben mitgemacht, bei dem es einen VW-Bus zu gewinnen gebe. Judith warf darauf ein, sie mache keine Preisausschreiben mehr, weil sie bereits einmal eine Weltreise abgesahnt habe und seither ihr Lebensvorrat an Glück bei Preisausschreiben erschöpft sei. Ich musste zugeben, dass ich bereits in jüngeren Jahren eine Wochenendtour nach Athen gewonnen hatte und mein Glücksvorratslager insofern angeknabbert sei. Der vierte in unserer Gemeinschaft, die sich diese Wochenenden der Isolation mit langen Spaziergängen vertreibt, stellte fest, dass er in den ersten vier Jahrzehnten seines Lebens nur einmal einen BigMac gewonnen habe und deswegen wahrscheinlich bald dran sei mit einer Portion Glück, die noch größer ist, als ein BigMac jemals sein kann.

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Wie das bei längeren Spaziergängen üblich ist, wenn die Wege schmaler werden und die Wandernden mit einem Abstand hintereinander herlaufen wie ein Ehepaar, das sich schon 45 Jahre kennt, war ich eine Zeit lang für mich allein in Gedanken versunken und dachte über das Glück und seine rein quantitative Beschränkung nach. Glück ist eine wärmende Decke, sagt Charlie Brown, und Decken sind oft zu kurz, so dass die Füße unglücklicherweise herausragen. Andererseits entsteht Glück gerade dann, wenn zwei unter einer Decke stecken, die an sich nur für einen reicht. Es ist also ein bisschen besser und geradezu logisch, davon auszugehen, dass Glück in seinen Ausmaßen unbegrenzt ist.

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Als wir wieder aufstanden, die leere Rotweinflasche im Rucksack verstauten und die Zigarettenstummel aufsammelten, hatte auch die Sonne ihren Strahl wieder eingepackt. Allerdings hatte er uns an diesem Nachmittag gegen 15 Uhr 30 in die Seele geleuchtet, wo er sich nun befindet, und womit klar wird: Glück verbraucht sich nicht, wenn man es benutzt, sonders es vermehrt sich. Wir sind dann am frühen Abend noch einen BicMac essen gegangen. Glücklicherweise ist es bei einem geblieben.

UNSERE AUTOREN: Judith Wagner ist Fotografin. Menschen sind ihre Profession: Vorstände, Schauspieler oder solche wie du und ich. Oliver Stock ist Journalist und versteht, wie Wirtschaft funktioniert. Beide wollen die Welt verbessern. Aber nur ein bisschen. Für den direkten Kontakt: www.einbisschenbesser.de
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