Eine große und hochwichtige Frage, wenn auch ohne erkennbaren praktischen Wert. Also wie geschaffen für uns!

Läuft man mit offenen Augen durch die Welt, scheint zunächst manches für ein klares Ja zu sprechen: die Existenz des Schnabeltiers etwa, die Haartracht nordkoreanischer Diktatoren, der Rhein-Main-Donau-Kanal oder die Struktur der finnischen Sprache. Danach wird es empirisch bald dünn. Sehr dünn sogar. Insbesondere in der Bibel wird man vergeblich nach dem Wort „Humor“ suchen. Hier und da wird zwar von einem Lachen (oder ist es ein Hüsteln?) des Höchsten Wesens berichtet, doch geschieht dies, um Menschen zu verhöhnen oder in ihre Schranken zu weisen. Rein alttestamentarisch gesehen, lässt Gottes Lachen auf einen Charakter mit narzisstischer Störung und leichtem Hang zum Sadismus schließen. Von weltbefreiender Offenheit als Folge wahren Sinns für Humor keine Spur. Das ist nicht lustig und deshalb wahrscheinlich auch nicht wahr.

Was also tun? Wie sich orientieren?

Wieder mal bleibt dem neugierigen Erdling nur eines: Selbst denken, messerscharf und ohne Kompromisse! Gehen wir die Frage also systematisch an: Was wissen wir vom Gott des Christentums? Nur dies: Sollte er existieren, handelt es sich um ein allmächtiges, allgütiges und allwissendes Wesen – sowie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein alten Mann. Was dies humortechnisch in der Praxis bedeutet, mag folgende Situation verdeutlichen: Stellen wir uns vor, ein kontemporärer Meister des Herrenwitzes – etwa Silvio Berlusconi oder Hellmuth Karasek – träte dereinst vor Gott und würde zu Auflockerung der gewiss leicht angespannten Situation mit der Frage ansetzen: „Gott, kennst du den schon …?“ Was könnte der Höchste da ehrlich antworten als: „Ja, lieber Silvio, den kenne ich schon.“ Als allwissendes Wesen kennt Gott ja definitionsgemäß jeden real existierenden, ja sogar jeden denkbaren Witz und jede humorige Situation – und zwar der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gott lässt es also zu, dass (Ihm) ständig Witze erzählt werden, die Er bereits kennt. Das spricht charakterlich für vieles – Langmut etwa –, nicht aber unbedingt für Humor. Erlauben Sie mir, den bisherigen Befund philosophisch zu fassen: Der Sinn für Humor beruht auf der existentiellen Situation des Nicht-Wissens, also dem Sinn für Neues. Bereits Immanuel Kant erkannte es so. Nach ihm beruht alles, was Menschen komisch finden, auf der „Enttäuschung einer Erwartung“ – kantisch gesprochen also der Differenz zwischen einem angenommenen Sollen und einem faktisch eintretenden Sein. Von diesem Unterschied können klarerweise nur Wesen wissen, die in einer Welt leben, die sie nicht vollends beherrschen. Humor entsteht mit anderen Worten aus der Spannung zwischen dem Endlichen und Unendlichen, dem offenen Abgrund zwischen dem Bedingten und dem Unbedingten. Daraus folgt auch: Wer Sinn für Humor hat, hat einen Sinn für das Transzendente – mithin einen Sinn dafür, worin der Witz von Gottes Existenz für unser Dasein bestehen könnte. So beschrieben, wäre der Humor Gottes größtes Geschenk an die Menschheit, weitaus wichtiger und lebensrettender etwa als der Verstand. Und hier kommt der eigentliche Clou an der Sache: Diese Einsicht würde selbst dann noch gelten, sollte Er – Gott – in Wahrheit gar nicht existieren.

Ob sich da nicht doch jemand einen guten Witz erlaubt hat?