Waldsterben? Pah, lange her. Schweinepest? Längst vergessen. Börsencrash? Das war gestern. Doch keine Bange. Sie wird bald wiederkommen, die Furcht vor der Apokalypse. Kabarettist Dieter Nuhr hält für Ihre nächste Angstneurose die schönsten Untergangsszenarien parat.

Von Dieter Nuhr

Der erste Weltuntergang, den ich überlebt habe, war das Waldsterben. Damals sagte man mir: „Das ist das Ende. Denn erst stirbt der Wald und dann der Mensch!“ Und als junger Mensch stellte ich ganz selbstverständlich die wesentliche Frage: Muss ich dann überhaupt noch zur Schule? Weil das Weltenende offenbar abgemachte Sache war, denn mit der Umweltbewegung war die Gotik zurückgekehrt in die Vorstellungswelt der Deutschen. Der saure Regen war da, eine wunderbar apokalyptische Vision! Und die Borkenkäfer, die Boten der Hölle, die geflügelten Engel der Vernichtung! Die Ankunft der Borkenkäfer wurde den Menschen damals angekündigt als Neuauflage des Hunnensturmes, jener klimatischen Katastrophe aus dem vierte und fünfte Jahrhundert, als das Tiefdruckgebiet Attila, die älteren erinnern sich vielleicht noch daran, Europa verwüstete. Und so ähnlich hatte man sich, wenn man den frisch gegründeten Grünen Glauben schenken durfte (und warum sollte man nicht, sie waren jung, warum sollten sie lügen?), den Borkenkäfer vorzustellen, was für ein gieriges Raubtier! Und der Borkenkäfer sollte erst den Wald aufessen und, wenn er dann noch Hunger haben sollte, uns gleich mit. Es kam anders. Der Borkenkäfer hatte plötzlich keinen Hunger mehr. Vielleicht hatte er sich auch verlaufen. Oder er war falsch abgebogen. Oder er wollte lieber zum Japaner? Wir haben keine Ahnung! Wer kann schon in die Seele eines Käfers blicken? Jedenfalls: Das Waldsterben wurde abgesagt! Und wir waren völlig perplex und dachten: Was nun? Gibt es für uns nun plötzlich eine Zukunft oder wie oder was?

Die Welt wird ein Solarium

Nein! Das Ozonloch war da! Gott sei Dank! Der Weltuntergang hatte sich nur eine neue Ursache gesucht. Gut so! Da musste man nicht gleich bis zum Äußersten gehen, eine Ausbildung machen oder ein Studium! Die Welt wird ein Solarium! Überall nur noch rostbraune Blondinen, mit einer Haut wie Ente süß-sauer! Große Panik! Dann allerdings trat das Unvorstellbare ein: Das Ozonloch war weg. Die Nachricht traf uns wie ein Keulenschlag. Es stand in der Süddeutschen Zeitung irgendwo auf den hinteren Seiten: „Ozonloch so klein wie noch nie seit Beginn der Messungen.“ Da es sich nicht um eine Katastrophenmeldung handelte, schaffte es die Nachricht nicht auf Seite eins. Wir aber waren bedient. Was nun?

Dann fiel auch noch die sicherste aller Apokalypsen aus, der Dritte Weltkrieg, den nach unseren Informationen Ronald Reagan auslösen sollte, gemeinsam mit McDonald’s, Hollywood und dem Disneykonzern. Was war da los? War Reagan zu alt geworden? Oder verweichlicht? Wieder Neuorientierung. Da kam uns die Atomkraft entgegen, der gute alte Feind aus den 70ern! Tschernobyl! Endlich! Ein amtlicher Versuch der Weltzerstörung. Aber selbst das war nicht der erwartete Weltuntergang. Das kam überraschend, denn wir waren bis dahin davon überzeugt: Wenn eine Kernschmelze eintritt, das überlebt die Menschheit nicht! Stattdessen? Eine ganz normale Katastrophe! Drei Monate kein Salat und weitermachen … Da waren uns die Leute in der DDR ausnahmsweise einmal weit voraus. Die haben gleich weitergemacht, weil ihnen ja keiner Bescheid gesagt hat. Dann kam die Gentechnik! Gene Ganz schlimm! Plötzlich waren überall Gene! Und ich erfuhr: In meinem eigenen Körper sind Gene! Ich bin vergiftet! Überall Gene, im Essen, im Fleisch, in den Pflanzen! Überall Gene! Unfassbar! Viele sind damals radikale Veganer geworden: nur noch Steine und Plastik. Das war auch kein Zuckerschlecken. Aber nicht derUntergang. Wieder nichts!

Dann Aids, Rinderwahnsinn! Plötzlich hieß es: Ganz England ist wahnsinnig! Bis man merkte: Das ist normal. Dann kamen die Handys. Plötzlich konnte jeder überall telefonieren. Natürlich: Angst! Es gab in Deutschland noch nie etwas Neues, was nicht sofort begeisterte Angst ausgelöst hätte. Überall telefonieren, schön und gut! Aber wer will das denn, wenn man mal davon absieht, dass es, wie die Entwicklung zeigte, alle wollten…und was ist mit der Strahlung? Wenn es in Deutschland strahlt, kommt sofort Panik auf. Bei vielen gilt ja selbst Sonnenstrahlung als in erster Linie schädlich, weil krebserregend. Wie schlimm mussten dann erst die Handys sein?

Zeitrechnung vor dem Handy

An dieser Stelle muss den jungen Leuten erklärt werden: Vor der Erfindung des Handys gab es Zeiten, in denen es keine Handys gab, weil das Handy noch nicht erfunden war. Klingt logisch, wirkt aber auf junge Menschen befremdlich. Viele Teenager fragen sich: Wie war das möglich? Was taten die Menschen damals? Blieben sie in ihren Höhlen? Hatten sie wenigstens Trommeln? Oder nutzten sie Rauchzeichen, um sich in der Stadt zusammen zu telefonieren? Nun, liebe Kinder! Man verabredete sich damals noch zu einer bestimmten Uhrzeit an einer bestimmten Stelle! Und wenn man telefonieren wollte, ging man in eine sogenannte Telefonzelle. Das Problem war, dass die Sehnsucht nach dem mobilen Telefon so groß war, dass viele Leute den Hörer mitnahmen. Deshalb konnte man in den meisten Telefonzellen gar nicht telefonieren. Das machte das Handy endgültig zur genialsten Erfindung des 20. Jahrhunderts! Eine tragbare Telefonzelle ohne Zelle, bei der man den Hörer nicht abschneiden konnte, weil es keine Schnur gab. Wahnsinn! Es konnte nicht lange dauern, bis Kritik aufkam. Handys, so hieß es, seien ein Spielzeug für Wichtigtuer. Und außerdem machen sie Krebs! Strahlung! Dazu muss man wissen, dass es sich bei diesem Vorwurf um ein deutsches Phänomen handelt. Sobald etwas Spaß macht und alle es haben wollen, kommt sofort jemand um die Ecke und behauptet: Das macht Krebs! Niemand hat jemals einen Krebs gesehen, der sich mit Handys in Verbindung hätte bringen lassen, aber egal: Das ist kein Argument! Krebs ist eine Krankheit, und die richtet sich doch nicht nach Argumenten! Es macht Freude! Es macht KREBS!!!!!

Viele telefonierten ab sofort nur noch mit Freisprechanlage. Scheinbar wahnsinnig gewordene Geschäftsleute liefen, laut mit sich selbst sprechend und gestikulierend, durch unsere Flughäfen, bis man merkte, dass sie einen Knopf mit einem Kabel im Ohr hatten. Es herrschte Angst im Staate T-Mobile. Natürlich gab es bald auch hier Entwarnung. Handys machen keinen Krebs. Was viele nicht wissen: Die Mikrowellen der Handys sind möglicherweise sogar gesund! Sie helfen gegen Alzheimer, weil sie die Ablagerungen im Gehirn abbauen, die Demenz auslösen können. Das können Sie jetzt mal denen erzählen, die nur noch mit Freisprechanlage telefoniert haben – aber im Zweifel erinnern sie sich nicht mehr daran.

Dann kam die Klimakatastrophe! Die war uns schon in den 70ern angekündigt worden, damals noch als Eiszeit, aber so ist das Wetter: Mal ist es zu heiß, mal ist es zu kalt … Dann: die Vogelgrippe! Was ist eigentlich aus der Vogelgrippe geworden? Die Schweinegrippe. Da möchte man als empfindsamer Mensch nicht wissen, wie das passieren konnte! Hat sich ein perverser Kranich auf einer Mastsau vergnügt? Die Welt ist aus den Fugen!

Hoffentlich ist es Typhus

Heute können wir uns stolz die „letzten Überlebenden der Schweinegrippe“ nennen, der schlimmsten Bedrohung der Welt seit dem großen Schnupfen 1975. Die Schweinegrippe war die letzte Panik, an der ich noch selber aktiv teilgenommen habe. Es war im Oktober 2009, ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als ich plötzlich ein Kratzen im Hals spürte, und ich weiß noch, das Erste, was ich dachte, war: Hoffentlich ist es Typhus! Oder Pest! Gut. Die Pest war auch schlimm. Der Schwarze Tod! Aber die Schweinegrippe war viel scheinheiliger! Da kam der Tod nicht in Schwarz, sondern in Rosa und borstig. Dann fand die Schweinegrippe in Rheinland-Pfalz wieder vom Menschen auf das Schwein zurück. Ein überraschender Vorgang, den ich an dieser Stelle lieber nicht hinterfragen möchte …

Was treiben die da unten? Egal. Ich will nu sagen: Sollte nächstes Jahr der nächste Weltuntergang angekündigt werden, dann haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich nicht gleich schreiend aus dem Haus laufen und panisch nach Hilfe suchen werde. Ich schaffe das nicht mehr. Ich kriege keine Panik mehr zustande. Ich werde mich wahrscheinlich entspannt zurücklehnen und sagen: Das geht vorbei.