Von Ansgar Graw

Herbert Feuerstein ist tot. Von allen Österreichern der deutscheste (abgesehen davon, dass er witzig war), starb er am Dienstag in seiner Wahlheimat Erftstadt im Alter von 83 Jahren. Er war Entertainer, Journalist, Kabarettist, Schauspieler und Buchautor (lesen Sie unbedingt seine 2014 erschienene Autobiografie „Die neun Leben des Herrn F.“ mit philosophischen Erkenntnissen wie dieser: „‘Sich erinnern heißt erfinden‘, hat einmal ein kluger Mensch gesagt. Stimmt.“)

Dieser Mann war der Großmeister des Nonsens. Und zugleich ein Hohepriester des Relevanten. Nennen wir es: er war die personifizierte Variante. 2007 spielte er Gott in Bertolt Brechts und Kurt Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. Und vielleicht zum Ausgleich vor zehn Jahren bei den Berliner Jedermann-Festspielen den Teufel. Berühmt aber wurde Feuerstein Mitte der 80er Jahre als Harald Schmidts genialer und ebenbürtiger, mitunter überlegener Partner in „Schmidteinander“. Er war dort, wie oft in seinem Leben, der Sidekick, der zur Hauptperson wurde.

Das Konzept stammte von Feuerstein. Oder, noch genauer, von den amerikanischen Late-Night-Shows. Aber besser gut modifiziert als schlecht erfunden. Er sei ein „Nichts“, sagte er über sich – allerdings in einem „13einhalb Milliarden Jahre alten Nichts“. Und eMails „hat er immer unterschrieben mit ‚zukünftige Legende Herbert Feuerstein‘“, twittert Klaas Heufer-Umlauf, samt angefügter Verbeugung: „Recht hatte er.“

Feuerstein, 1937 geboren in Zell am See, wuchs im nahen Salzburg auf („Ich wollte aufwachsen“, witzelte er, „wurde aber nur 1,65 Meter groß.“) und studierte am dortigen Mozarteum Klavier und Komposition. Wahrscheinlich hätte er mit Tonkunst auch sein Auskommen verdient. Aber er hatte so vielseitige Interessen, dass ihm das nicht reichte. Er zog 1960 mit seiner ersten (von drei) Frauen nach New York und arbeitete dort als Journalist – unter anderem als USA-Korrespondent für uns, für Pardon. Heimgekehrt nach Deutschland, wurde er Verlagsleiter von Bärmeier & Nikel und damit Verleger von Pardon. Er wanderte weiter und prägte als Chefredakteur die deutsche Ausgabe des US-Satiremagazins „MAD“. Spätestens da bereicherte er die deutsche Sprache mit Inflektiven, einer für Comics geschaffenen Verbform, die auf die Infinitivendung -n oder -en verzichtete: „lechz“ für Leidenschaft, „seufz“ für das Bedauern, „kreisch“ fürs Erschrecken.

Nein, wir schreiben hier keinen Nachruf auf Herbert Feuerstein. Denn das hat er ja schon selbst getan, im Podcast-Format, eingeleitet mit Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge: „Haha, reingefallen, das war nur ein Scherz“, er wolle ja als witzig gelten und darum verbiete sich ein zu pathetischer Einstieg, spricht er dort aus dem vorweggenommenen Jenseits. „Ich will nicht lang drumherum reden, ich bin jetzt tot, und Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, werden das eines Tages auch sein. Und spätestens dann sind wir quitt.“ 

Noch lange nicht, lieber Herbert Feuerstein. Pardon verneigt sich vor einem Großen.

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Ansgar Graw ist Herausgeber von „Pardon“