Ephraim Kishon ist unvergessen. Der ungarische Satiriker, der den Holocaust im Deutschen Reich überlebte und danach aus einem sowjetischen Gulag entfliehen konnte, bevor er in Israel zu einem Autor mit Weltgeltung wurde, gehört zu den Großen seines Faches. 15 Jahre nach seinem Tod hat der Verlag LangenMüller Satiren von Kishon neu aufgelegt. Wir veröffentlichen diesen Auszug aus „Die tägliche Katastrophe“ (171 S, 12 Euro) mit freundlicher Genehmigung von LangenMüller; das Foto zum Thema stammt von Shutterstock.

Nein, das war nicht der liebe, alte, junge, fröhliche Gerschon, wie wir ihn kennen und lieben.

»Meine Ehe ist gescheitert«, klagte er, »nach 27 glücklichen Jahren. Aus.«

Er blickte traurig auf seinen Ehering. Auch um seine Augen lagen Ringe.

»Es begann ungefähr vor einem Monat«, erzählte er. »Wir gingen sehr früh schlafen, Gloria und ich, weil der Fernseher in Reparatur war. Wir fielen todmüde ins Bett, schliefen sofort ein, und dann um zwei Uhr in der Früh passierte es.«

»Was passierte?«

»Gloria weckte mich. ›He!‹, sagte sie. ›Du schnarchst wie eine Motorsäge, Gersch.‹ Ich war höchst erstaunt. Ich? Schnarchen? Ein so gesunder Mensch wie ich, der nichts auf der Welt so sehr hasst wie Lärm? Kurz, um fünf weckte sie mich weniger zärtlich. ›Verflucht und zugenäht, du gibst Geräusche von dir wie ein Bulldozer.‹ Ich vergrub mich tief in meine Decken und dachte nach. Träumte mir, ich sei ein junger, hungriger Löwe oder gar ein alter, rostiger Presslufthammer?«

»Mach dir nichts draus, Gerschon«, bemerkte ich, »jeder von uns schnarcht hin und wieder.«

»Hin und wieder, aber doch nicht ununterbrochen so wie ich. Die folgende Nacht war noch schlimmer. Gegen Morgen schüttete mir Gloria ein Glas kaltes Wasser ins Gesicht. ›Ich halte das nicht mehr aus, Gersch!‹, schrie sie. ›Kannst du denn nichts dagegen tun?‹ O ja, ich hätte schon eine Lösung gewusst. Seit Jahren wollte ich ihr getrennte Schlafzimmer vorschlagen, da ich es liebe, vor dem Einschlafen im Bett ungarische Kreuzworträtsel zu lösen. Aber ich habe nie gewagt, es ihr zu sagen, weil ich fürchtete, ihre Gefühle zu verletzen.«

»Sag mal«, fragte ich Gerschon, »liegst du beim Schlafen vielleicht auf dem Rücken?«

»Das wollte mein Hausarzt auch wissen. Er hat mir übrigens geraten, vor dem Schlafengehen ein heißes Fußbad zur Beruhigung zu nehmen. Aber auch das hat nichts geholfen. Gloria musste mich trotzdem jede Nacht mehrere Male wegen meiner Schnarcherei wecken. Am Ende der Woche war ich reif für die Klapsmühle.«

»Erstaunlich, dass du überhaupt noch einschlafen konntest«, entgegnete ich.

»Wer sagt, dass ich konnte? Im Gegenteil! Inzwischen war ich in derart panischer Angst davor, zu schnarchen, dass ich nicht mehr einschlafen konnte. Ich starrte im Dunkeln an die Decke und lauschte Glorias ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen. Zum Teufel, die Frau atmet so regelmäßig wie ein Metronom, sagte ich mir. Warum, um alles in der Welt, schnarcht sie nicht auch? Und da kam mir die rettende Idee. Ich beugte mich über mein Metronom, rüttelte es wach und sagte bissig: ›Weißt du eigentlich, mein Schatz, dass du auch schnarchst? Und zwar so laut, dass du eine Familiengruft aufwecken könntest?‹ Gloria war wie vor den Kopf gestoßen. ›Ich? Schnarchen? Du spinnst ja!‹ Nun, um es kurz zu machen, in dieser Nacht weckte ich sie viermal auf. In der Früh sagte ich scheinheilig, wahrscheinlich sei alles meine Schuld, denn vermutlich hätte ich sie angesteckt …«

»Blödsinn«, bemerkte ich, »Schnarchen ist nicht ansteckend.«

»Wem sagst du das? Die gute Gloria hatte ja auch keinen einzigen Laut von sich gegeben. Ich war nur in die Gegenoffensive gegangen.«

»Dir ist hoffentlich klar, dass das sehr unfair war?«

»Gewiss. Aber das Leben ist nun mal kein Picknick. Wie dem auch sei, ich beschloss, so weiterzumachen, das heißt, Gloria aufzuwecken, bevor ich selbst in Versuchung käme, zu schnarchen. Und in der folgenden Nacht stelle ich mich tief schlafend, lag jedoch wach und zählte Schafe. Ich nahm mir vor, Gloria in etwa einer Stunde mit dem dringenden Rat zu wecken, schleunigst einen guten Psychiater aufzusuchen.«

»Gerschon, du bist ein Schuft«, sagte ich.

»Man tut, was man kann. Und außerdem, es kam nicht dazu. Nach kaum zwanzig Minuten begann Gloria wie wild auf meiner Brust herumzutrommeln. ›Es ist eine Qual, Gersch‹, jammerte sie. ›Eine echte Folter. Es wird von Nacht zu Nacht schlimmer!‹«

»Willst du damit sagen, dass Gloria dasselbe Spiel trieb?«

»Und wie! Es stellte sich wahrhaftig heraus, dass ich niemals auch nur geseufzt, geschweige denn geschnarcht hatte. Gloria gestand mir unter Tränen, das ganze Theater mit meiner Schnarcherei sei bloß ein Trick gewesen, weil sie so schrecklich gerne getrennte Schlafzimmer hätte. Sie hatte aber nicht gewagt, mir das zu sagen, um meine Gefühle nicht zu verletzen. Als ich ihr erklärte, dass ich seit langer Zeit den gleichen Gedanken hatte, brachen wir beide in befreiendes Gelächter aus und fielen einander in die Arme. Danach schliefen wir ein, eng aneinandergeschmiegt wie zwei Täubchen, die sich wiedergefunden hatten.«

»Gratuliere!«

»Moment! Ich bin noch nicht fertig. Genau in dieser Nacht, als Glorias Lockenwicklerkopf sanft auf meiner Schulter ruhte und ein süßes Lächeln ihr schlafendes Gesicht verklärte, in jener Nacht, in der ich so glücklich war wie seit langer, langer Zeit nicht mehr – da begann Gloria zu schnarchen.«

»Nein!«

»Doch. Bloß, das war nicht nur ein Schnarchen, das war ein Grollen wie aus einem Vulkan. Nun stell dir die Lage vor, in der ich mich befand. Mein geliebtes Weib ruht laut schnarchend in meinen Armen, und das letzte auf der Welt, was ich tun kann, ist, sie aufzuwecken, um es ihr zu sagen. Sie hätte mir doch niemals geglaubt. Das Ganze hätte ausgesehen, als wollte ich einen schlechten Witz wiederholen.«

»Ein echtes Dilemma«, musste ich zugeben.

»Du sagst es. Im Morgengrauen, als ich drauf und dran war, die getrennten Schlafzimmer doch wieder in Erwägung zu ziehen, kam mir eine Glanzidee.«

»Du hast zurückgeschnarcht!«

»Richtig. Laut und vernehmlich. Mit aller gebotenen Deutlichkeit. Schließlich war das die einzige legitime Art, sie aufzuwecken. Ich habe abwechselnd gepfiffen und geschnarcht, gepfiffen und geschnarcht …«

»Sehr gut!«

Kishon 2003 mit seinem ebenfalls bei LangenMüller erschienenen Roman „Der Glückspilz“, Foto: Picture Alliance

»Nicht sehr gut. Sehr schlecht. Denn Gloria befand sich in der gleichen Situation wie ich. Ihr war klar, dass ich ihr niemals glauben würde, wenn sie mich jetzt wachrüttelte, um mir zu sagen, dass ich schnarche. Also stellte sie sich taub und gab vor zu schlafen. Und das ist die derzeitige Lage.«

»Eine verfahrene Situation.«

»Genau. Und das Ärgste ist, ich weiß gar nicht, ob Gloria das Schnarchen nur simuliert, um doch noch ein eigenes Schlafzimmer zu bekommen, oder ob sie tatsächlich ganz ehrlich schnarcht. Es macht mich verrückt, sag ich dir.«

Ich betrachtete die Eheringe unter Gerschons Augen.

»Hör zu«, sagte ich. »Ich habe eine Idee. Wenn Gloria heute Nacht wieder zu schnarchen beginnt, dann weck sie auf. Erkläre ihr, du müsstest leider auf getrennte Schlafzimmer dringen, denn diese Totenstille würde dich wahnsinnig machen.«

»Aber sie weiß doch, dass sie schnarcht.« »Wieso weißt du, dass sie das weiß?« »Ach, ich weiß gar nichts mehr.« Gerschon stand auf, um zu gehen.

»Sag mal«, fragte er mich bei der Tür, »schnarchst du eigentlich auch?«

»Ich weiß es nicht. Meine Frau will keine getrennten Schlafzimmer.«

Seither habe ich Gerschon nicht wiedergesehen. Und was meinen Schlaf angeht, ist er auch nicht mehr das, was er vor sechzig Jahren einmal war.

„Schnarcherei“ ist ein Auszug aus dem soeben im Verlag LangenMüller, München, in der 6. Auflage erschienenen Satire-Band von Ephraim Kishon „Die tägliche Katastrophe“ (176 Seiten, 12 Euro, erhältlich unter anderem hier. Und das schrieb der wohl bekannteste Satiriker der Welt (gestorben am 29. Januar 2005 in Appenzell/Schweiz) über sich selbst: »… 23.8.24 in Ungarn geboren, neugeboren 1949 in Israel. Zu viele Schulen. Zu viele Arbeitslager: ungarische, deutsche, russische. Verheiratet. Drei Kinder. Sechs Theaterstücke, die außer in Israel auch in mehreren anderen Ländern aufgeführt werden, zum Beispiel in Deutschland und sogar in Japan. Bücher in insgesamt 33 Sprachen (Anm. von ‚Pardon‘: inzwischen sind es 37!), darunter hebräisch, englisch, deutsch, ungarisch, italienisch, türkisch, dänisch, holländisch, chinesisch, japanisch etc. Schrieb regelmäßig satirische Glossen unter dem Titel ›Chad Gadja‹ (Das Lämmchen) für Israels meist verbreitete Tageszeitung ›Ma’ariv‹ (Abend). Leitete eine eigene Kleinkunstbühne, die ›Grüne Zwiebel‹. Schreibt Theaterstücke aus Liebe. Macht Filme als Hobby. Liebt Schmiedearbeit, Schach und Torbergs deutsche Übersetzungen seiner Geschichten. Lebt in Tel Aviv als freier Schriftsteller, nachdem er sich zuvor als freier Schlosser im Kibbuz, freier Garagenbesitzer und in einer Reihe anderer freier Berufe betätigt hat.« (aus dem Klappentext zu „Drehn Sie sich um Frau Lot!“, 1971)