Coronakrise, eingesperrt zu Hause, da kommt man auf die komischsten Gedanken. Was den Autor in Ausnahmezeiten dennoch bewegt, hat er hier zusammengetragen, wohl wissentlich, dass sein Leben ohne Corona andere Gedankenspiele hervorgebracht hätte, aber vielleicht ist auch das nur ein Trugschluss.

Von Stefan Groß-Lobkowicz

1. Ich fühle mich wie Archimedes

Ich fühle mich wie Archimedes. Aber nicht, weil ich unbekleidet durch die Stadt laufe, auch nicht, weil ich in der Badewanne, wo einem oft zugegebenermaßen die besten Ideen kommen, das Archimedische Prinzip entdeckt habe, dass bekanntlich besagt, dass „der statische Auftrieb eines Körpers in einem Medium genauso groß ist wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums.“  Nein: Ich schreie Heureka, „Ich habe [es] gefunden“. Nein, nicht mein Ich, nein viel wichtiger und existentieller –  endlich Klopapier. Wie ein Fährtenhund hatte ich mich auf Spurensuche tagelang vergebens gemacht – und wurde mit dem mir Undenkbaren belohnt. Fast hätte ich meinen Glauben aufgegeben, doch Gott verlässt eben einen im tiefsten Abgrund nicht, so grausam kann selbst die Theodizee nicht sein. Klopapier – was einst eine Selbstverständlichkeit war, unbeachtet im Supermarktregal lag, und das man immer ein wenig mit Scham sich in die unterste Lage des Einkaufkorbes packte, ist in Zeiten der Coronakrise zum Bestseller geworden. Ausverkauft über Tage. Nie hatte Klopapier so eine Renaissance, nie wurde es mehr zum viral-medialen Hype, triggerte durch die Nachrichtensender als gäbe es keine anderen Probleme. Hamsterkäufe heißt das heute, aber es meint nicht den Nager, den man in der Zoohandlung für schmales Geld erwerben kann, der aber, so Wissenschafter und zu meinem Entsetzen, nicht gegen den Befall mit dem Coronavirus schützt, sonst hätte ich mir gleich zwei gekauft, hätte Karl Theodor zu Guttenberg sicherlich auch, wenn es um Doktortitel ginge, so wäre ihm zumindest einer geblieben. Aber diese Hamsterkäufe, als gäbe es kein Morgen, gibt es eigentlich regelmäßig vor einem Feiertag, weil dann alle denken, zu verhungern. Nur darüber spricht eben keiner, weil es nichts, rein gar nichts,  mit dem Virus zu tun hat. Aber diese Hamsterkäufe haben selbst den niederländischen Ministerpräsident Mark Rutte auf den Plan treten lassen, der von der Raffgier seiner Landsknechte so erschreckt war, dass er den grandiosen Satz verkündete:  „Wir haben soviel, wir können zehn Jahre kacken.“

Ältere Damen, die Weltkrieg und DDR, im schlimmsten Fall, beides überstanden haben, wundern sich brüskiert über diesen Run aufs Klopapier. Zeitungen für die alltäglichen Üblichkeiten des Menschen als Mängelwesen zu verwenden, war vor den Zeiten der Komfortzone grüner SUV-Fahrer keine Notlösung, sondern Usus. Die Aufbauhelferinnen und Trümmerfrauen, also nicht die verwöhnte, dreilagige Klorollen konsumierende Generation von heute, waren darin mit Sicherheit viel pragmatischer. Und der Journalist wusste indirekt, wozu er gebraucht wird. Zeitungen im wahrsten Sinne als Bückwahre. Derartiger Ge- oder Missbrauch hat manche Schmiererei davor bewahrt, erinnert zu werden, irgendwo in den Archiven der Onlinemedien rumzugeistern. Also auch noch produktive Selektion.

2. Ich bin zwar keine Frau, halte aber eine Armlänge Abstand

Normalerweise pflege ich Kontakt mit meinem Mitmenschen. Gebe ganz, wie Thomas de Maizière in Sachen Leitkultur einst in seinem Katalog des guten Deutschen einforderte, anderen die Hand als Zeichen meiner Wertschätzung. Das „Reich mir die Hand mein Leben“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ wird heute schon als Provokation gesehen, schlimmer, als Aufruf zum Massenmord. Und seit der Coronakrise ist das auch für mich keine Selbstverständlichkeit mehr. Staatdessen kommuniziere ich mit meinen Eltern nur noch übers Haustelefon. Man weiß ja nie wie das Virus mutiert, vielleicht hat es dieses demnächst gar nicht mehr auf Alte abgesehen, sondern auf Jüngere, macht einen postmodernen Turn in die Gegenläufigkeit. Aber in erster Linie kultiviere ich diese Art der Selbstbeschränkung, um nicht nur der Weisung von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker Genüge zu leisten, die nach der Flüchtlingskrise 2016 Frauen riet, „eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten“, sondern weil ich die Ausnahmeentscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten respektiere, der gegen geltendes Recht, aber dafür von seinen Untertanen beehrt, auch mir den Abstand wie dem Rest des Bergvolkes verordnet hat. Dabei spielt es in Zeiten von Corona für mich eigentlich auch keine Rolle mehr, wenn eh alles auf Endzeitstimmung paralysiert läuft, ob ich eine Frau, ein Mann oder doch ein Gender bin, der nur noch nicht über diese Möglichkeit seiner Existenz nachgedacht hat. Ich gehe, eigentlich schon immer, lieber auf Behindertentoiletten, denn da gibt es zumeist Klopapier, gerade in harten Zeiten wie diesen, sie sind zudem deutlich sauberer und man hat Zeit. Dafür aber ist man sehr einsam. Vielleicht, so denke ich mir, teste ich doch die Unisextoilette, da trifft man ja eine Menge Menschen auf Selbstfindungstrip, denen man, wenn man nicht ins Berghain oder in den KitKatClub geht, in seinem Leben nie begegnen würde.

3. Beim Gassigehen verwandele ich mich zum Eremiten

Gassigehen ist das, was einen Hundebesitzer am meisten nervt. So sehr man seinen Vierbeiner auch liebt, der ständige Drang nach Entleerung des treuen Begleiters wird insbesondere im Winter zur physischen Herausforderung, von den psychischen Qualen ganz zu schweigen, die einem durch die Winterdepression entgegenschlagen. Dann denkt man grausamerweise insgeheim an die Tage ohne Hund, aber sofort tilgt man die bösen Bilder und ersetzt sie damit: Ein Leben ohne Dackel ist zwar möglich, aber eigentlich sinnlos.

Doch ganz anders ist es im Sommer. Da funktioniert der Hund wie eine Kontaktbörse. Unbekannte sprechen einen an, man kommt in Gespräche mit charmanten und sogar jüngeren Damen, die einen sonst nie begegnen, geschweige denn mit einem reden würden, was dann auch dem eigenen Alter entsprechenden Pulsschlag erhöht, zu kurzzeitigen vergnüglichen Herzarrhythmien führt und damit indirekt wiederum zugleich die Tierliebe festigt. Gleichwohl man auch feststellen muss, dass die Aufmerksamkeit nicht einem selbst, sondern dem „Köter“ entgegengebracht wird, was die Tierliebe dann wiederum rasant schmälert. In diesen Augenblicken zärtlicher Umkosungen wünscht man sich gern, ein Hund zu sein, auch wenn man sich sonst eine kynische Lebensweise nicht als Maxime auf die Fahnen der Existenz malen möchte. Doch in Zeiten von Corona ist auch das wieder anders. Verkehrte Welt. Der neue Kategorische Imperativ lautet:  „Handle so, dass dir keine Frau, kein Hund und kein Mensch begegne“. Die Crux an der Geschichte – es gibt nur noch Eremiten im Englischen Garten, nur noch Mutige gehen zu zweit, die meisten bleiben zu Hause und nutzen die Zeit zur Vermehrung. Die Freizeit, so bin ich mir sicher, sinnierend, einsam auf den leeren Pfaden, wird zur Weihnachtszeit einen Kindersegen den Deutschen bringen, die zwar ähnlich wie die Franzosen immer unfruchtbarer werden, aber mit genügend Zeit durchaus Volltreffer erzeugen dürften. Und jetzt, wo es bald Massenarbeitslosigkeit gibt, ist der Kinderwunsch zumindest eine Möglichkeit, die neu gefundene Freizeit von Feministinnen und Karriere-Power-Frauen sinnvoll in die Nachkommenschaft zu investieren. Dadurch könnte uns vielleicht auch die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland erspart bleiben, wobei ich mich immer verwundert frage, was die vielen einsamen Männer, die Migranten, jetzt in ihrer Freizeit tun. Sorry, die haben ja immer mehr Freizeit gehabt, nur wir mussten arbeiten, um das zu bezahlen. Dann jedoch verwerfe ich diesen Gedanken als rassistisch, der selbst in der Coronakrise nicht zu rechtfertigen ist, denn ich bin weder kynisch noch zynisch.

4. Ich schaue mir neuerdings Instagram-Bilder an

Normalerweise nutze ich Soziale Netzwerke eigentlich zur zum Erkenntnisgewinn. Was manchmal schwierig ist, denn dem Post eines „Toastes“ eine metaphysische Qualität abzuringen, ist beinahe intellektuell uneinholbar. Noch schwieriger, wenn gerade dieser Post, zigtausende Likes hat. Dann fragt man sich berechtigt, ist nur einer verblödet oder das ganze Following? Was macht den Toast qualitativ so wertvoll, währenddessen kluge Sachen zu gut wie möglich im Netz ignoriert werden.

Dann gibt es ja noch die Postings von der AfD, die haben Konjunktur – und hier denke ich mir, es muss wohl am Corona liegen, dass die Krankheit einfach in den Kopf gestiegen ist und dort das Denk- und Reflexionszentrum in die Knie zwingt. Björn Höcke samt geistiger Diarrhö, die er messianisch über seine Adepten aussendet, hat es wohl schon länger. Vielleicht hat er es irgendwelchen Nazis in China infiltriert, deren Frauen, die ja vermehrt in der Modebranche in der italienischen Lombardei arbeiten, wo das Virus wie in Whuan grassiert und die zudem in Sachen Luftverschmutzung in Europa in der Champions League spielt, wenn sonst schon keiner mehr auf dem Kontinent Fußball spielt, wieder nach Europa gebracht. Aber das bleiben Spekulationen von Verschwörungstheoretikern, die gerade bei Facebook ihre Renaissance feiern.

Bei Instagram hingegen hat man immer schöne Bilder – Frauen zeigen sich in den freizügigsten Posen. Blöd nur, ich habe nie eine davon in der Wirklichkeit gesehen. Wie Realität und Virtualität seltsam auseinander gehen, denke ich. Aber das liegt wahrscheinlich an der Ausgangssperre tröste ich mich im selben Atemzuge.

Ich werde sie alle wieder sehen, sobald mir die Sache mit dem Klopapier aus dem Kopf gegangen ist, ich den Abstand nicht mehr halten muss und endlich meinen Hund wieder als Kontaktbörse einsetzten kann. Doch jetzt gehe ich aus Solidarität mit meiner Kanzlerin Angela Merkel, die Kontakt mit einem Viruserkrankten hatte, vorerst selbst in Quarantäne und warte auf Godot. Soviel Patriotismus muss sein. #IchBleibeZuhause.