Von Oliver Stock (Text) und Judith Wagner (Foto)

Vorhin gab es Jägerschnitzel für alle. Also, es gab auch Paprikaschnitzel und Sojaschnitzel und Sojaschnitzel vegan, aber wir wollten nach dem Bootsausflug mehrheitlich Jägerschnitzel mit PP: Pilzrahmsoße und Pommes. Nur Judith nahm das Roastbeef mit Bratkartoffeln. Und wie wir dann so kauten, rechnete Judith vor, dass jedes dritte Schnitzel aus Gütersloh von Tönnies kommt, wo schon wieder so viele Corona-Kranke sind, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wir zählten ab: Eins, zwei und ich war der dritte.

Fleisch ist derzeit in aller Munde. In einem Artikel, den ich am Wochenende gelesen habe, stand, dass Fleisch etwas Männliches sei. Es stand da so, als müsste sich jeder schämen, der etwas Männliches mag. Fleisch vom Grill sei noch männlicher, und Fleisch vom Holzkohlegrill der Gipfel. Finde ich nicht. Fleisch vom Holzkohlegrill, das innen noch rot ist, ist nämlich noch besser. Wenn Judith dann sagt, dass rotes Fleisch nicht gesund sei, mache ich diesen alten Männerwitz und sage, dass Fleisch, das innen grün ist, nicht gesund sei.

Aber es stimmt ja. Laut Nationaler Verzehrstudie II verbraucht die Deutsche etwa 80 Gramm Fleisch am Tag, der Deutsche 160 Gramm. Im Schlachthof bei Tönnies waren es auch zu keiner Zeit Rumäninnen, die sich angesteckt haben, sondern stets Rumänen. Und an der Spitze des Skandalbetriebs stehen eben nicht ein Bruder und seine Schwester und zoffen sich wie die Kesselflicker, sondern es sind ein Neffe und sein Onkel, zwischen denen die Fetzen fliegen. „Der Onkel muss weg“, soll der Neffe gesagt haben, was nach männlicher Unversöhnlichkeit klingt.

Das Dumme ist nur: Die Spur mit den Männern führt wie so oft ins Leere. Ganz im Gegensatz zur Klage darüber, dass die Deutschen am liebsten 500 Gramm Fleisch für 1 Euro 99 kaufen – und ob es die Deutsche ist, die es für ihn kauft, ist dabei egal. Diese Klage jedenfalls ist ein Volltreffer, der aber deswegen nicht mehr verfängt, weil wir ihn viel zu häufig gehört haben und dennoch nichts verändern. 

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Ein bisschen besser ist es, wir beherzigen vier Hinweise: Erstens: der Onkel muss weg und der Neffe vielleicht auch. Zweitens: Wir meiden das ganz billige Fleisch, wie den ganz billigen Wein, weil klar ist, irgendjemanden bekommt irgendwas dabei nicht. Drittens: Wir essen nicht jeden Tag Jägerschnitzel, die Jäger könnten es uns danken, die Schweine auch. Das Klima auch, wobei hier der Zusammenhang über den Verdauungstrakt der Tiere hergestellt wird, während vom Verdauungstrakt der Menschen niemand redet. Schließlich: Männer nehmen sich beim Fleischverzehr ein Beispiel an Frauen, es muss ja nicht gleich die Hälfte sein. Du, Judith, was kochen wir morgen?

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