Wo der Diskurs unmöglich ist. Karikatur: Bernd Zeller

Von Ansgar Graw

Als Jürgen Habermas den herrschaftsfreien Diskurs beschwor, also einen freien Austausch von Argumenten auf gleicher Augenhöhe, gab es Twitter noch nicht. Mit der digitalen Revolution und den sogenannten sozialen Medien schien dieses Ideal des großen Philosophen der Frankfurter Schule erreicht. Jeder darf sich zu allem äußern, Grenzen setzen nur das Höchstmaß von 280 Zeichen pro Tweet und das Strafrecht.

Doch der kommunikativen Vernunft, auf die der Denker des Jahrgangs 1929 vertraute, sind im weltweiten Web enge Grenzen gesetzt. Es geht längst nicht mehr um den zwanglosen Zwang des besseren Arguments (Habermas), sondern um schiere Macht: Wer hat die größeren Follower-Armeen, um den anderen niederzubrüllen, zu delegitimieren und dessen Positionen in üble Zusammenhänge zu rücken? Respekt vor der abweichenden Meinung ist nicht mehr gefragt, weil diese Selbstermächtiger sich auf einer moralischen Höhe wähnen, von der herab anderes Denken als inakzeptabel bekämpft und mitunter völlig anlasslos in Schubladen eingeordnet wird: sexistisch, faschistisch, rassistisch. Dass damit die wichtigste Innovation der in Europa geborenen Aufklärung, nämlich das Recht auf Debatte und auf argumentative Auseinandersetzung, bedroht wird, fällt mutmaßlich vielen Soldaten der zur Regel gewordenen Shitstorms nicht auf.

So trendet der Hashtag #HaltDieFresseBild seit Monaten im Netz, aktuell mit neuen Höhepunkten. Natürlich gehört auch Polemik zum herrschaftsfreien Diskurs, und niemand muss das Boulevard-Blatt mögen. Aber dahinter steht ja nicht die Idee, berechtigte Kritik an einem Medium zu üben, das im Staub der Straße um seine Leser kämpfen muss und darum nicht immer hoch poliertes Edelleder an den Füßen trägt. Vielmehr geht es darum, Mitarbeiter von „Bild“ persönlich zu diskreditieren und zu ächten. Und damit auch die Leser des Blattes ins Abseits und unter Rechtfertigungsdruck zu stellen: „Was, das lesen Sie noch?“ Es geht um Cancel Culture und eine neue Meinungsprüderie, die alles unsichtbar machen will, was nicht in den linksrotgrünen Zeitgeist passt. Man will, ausgestattet allein mit den persönlichen Überzeugungen, Teilnehmer des Diskurses ausgrenzen, deren Ansichten man nicht teilt. Als Hintergrundmelodie lebt der Enteignet-Springer-Traum der 68er wieder auf.

Eine Polemik der “Süddeutschen Zeitung”

Und dann ist da die „Süddeutsche Zeitung“. Sie hat in ihrem Feuilleton dieser Tage eine Polemik gegen den Pianisten Igor Levit  veröffentlicht, der abseits der Konzertsäle ein sendungsbewusstes Mitglied von Bündnis 90 / Die Grünen ist. Auf deren Leipziger Parteitag trug Levit 2018 Beethovens Ode an die Freude vor, der Autor dieser Zeilen war vor Ort und ergriffen. Aber sprachlos macht auch ihn das vom SZ-Autor Helmut Mauró kritisierte Verdikt von Levit, AfD-Mitglieder seien „Menschen, die ihr Menschsein verwirkt“ hätten. Ehrlich? AfD-Politiker sind keine Menschen mehr? Levit, ein 1987 im russischen Nowgorod geborener Jude, hat später erklärt, „a Mensch sein“ bezeichne im Jiddischen den nötigen Grad an Empathie, um human zu agieren. Doch hier geht es nicht um etymologische Diskussionen, sondern um eine eindeutige Attacke, in der erkennbar Tausenden Menschen ihr Menschsein abgesprochen wird, von jemandem, der gern versichert, „gegen Hass“ zu sein.

Der SZ-Musikkritiker, der Levit erkennbar nicht für „den vermutlich besten Pianisten der Gegenwart“ hält, wie das Blatt noch vor zwei Jahren verkündete, sieht in dem Künstler eher einen Twitter-Virtuosen, der politische Stimmungsmache betreibe. Levit sei auf dem Kurznachrichtendienst „nicht mehr zu entkommen. Er ist mit den richtigen Journalisten und Multiplikatoren befreundet, coram publico und aufgekratzt fällt man sich via Twitter mehr oder weniger täglich in die Arme und versichert sich gegenseitiger Bewunderung“, heißt es in der Polemik.

Polemiken sind nun einmal polemisch

In einem wütenden Aufstand der Twitter-Gemeinde wurden der „Süddeutschen“ und ihrem Autor vor allem übertriebene Polemik, mitunter gar Antisemitismus unterstellt. Das erste mag sein. Im Grundsatz ist jede Polemik übertrieben, weil sie sich nur auf zu kritisierende Sachverhalte konzentrierte, ohne entlastende Momente gleichgewichtig daneben zu halten – ein Einerseits-Andererseits ist keine Polemik mehr. Aber wer den Text als „herabwürdigend“ bezeichnet, hat bislang möglicherweise nicht viel gelesen. Für den zweiten Vorwurf, den des Antisemitismus, gibt der Artikel zweifellos weniger her als manche Karikaturen zu Israel, die das Münchner Blatt vor einiger Zeit publizierte. Dennoch gingen die Chefredakteure rasch in die Knie. Wolfgang Krach und Judith Wittwer baten vier Tage nach Veröffentlichung der Polemik „Igor Levit persönlich wie auch unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung“.

Auch das Recht, sich zu korrigieren, muss natürlich zum herrschaftsfreien Diskurs gehören. Doch offenkundig hat der Chefredakteur zunächst in einer eMail erklärt, er stehe „hinter diesem Artikel“, lässt Levit auf Twitter wissen. Wenn sich dieser Chefredakteur einen Tag später nach öffentlichem Blasendruck für eine Polemik entschuldigt, die weniger scharf war als manche politaktivistische Äußerung des kritisierten Pianisten, dann jagt man nicht nur einen bislang in der Redaktion geschätzten Kollegen in die dunkle Nacht, sondern zeigt auch jedem anderen Journalisten künftige Grenzen auf: „Auf dieser Seite des politischen Spektrums bitte keine Kritik!“

Die Freiheit und die Shitstorms

Ist das noch Journalismus? WELT-Chefredakteur Ulf Poschardt leitartikelt in seiner Kritik an der SZ-Chefredaktion, Journalismus sei „eine wunderbare Sache“. Aber: „Wer ihn betreibt, sollte im Zweifel unerschrocken sein. Und nicht beim ersten lauten Knall eines Shitstorms einknicken.“ In seinem vor wenigen Monaten erschienen Buch „Mündig“ (Verlag Klett-Cotta, 272 S., 20 Euro) warnt Poschardt: „Medien sind Garanten der Freiheit, aber sie sind es nur, wenn sie für ein tendenziell mündiges Publikum, das kritik- und unterscheidungsfähig ist, Inhalte produzieren, die einen verständigen Leser oder Betrachter erwarten und voraussetzen.“

Eine liberale Gesellschaft gefährdet ihren Kern, wenn sie den freien Diskurs, ob er von „Bild“ mitunter ärgerlich provokant gewagt wird oder ein Musikkritiker innerhalb einer Redaktion eine abweichende Meinung vertritt, in den Schraubstock des ständigen Konsenses zwingen will. In Sonntagsreden wird die Kritikfähigkeit gelobt und der Widerspruch gefeiert. Aber im Netz wird dann der Konformismus verordnet. Der Schriftsteller Uwe Tellkamp, der den grandiosen Wenderoman „Der Turm“ verfasst hat, wird gemieden, seit er Kritik an der Migrationspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel geäußert hat. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG stellte vorübergehend ein von ihr erbetenes Statement des Satirikers Dieter Nuhr zum Thema Wissenschaft ins zensierende offline, weil sie darin nachträglich (und richtigerweise) eine Kritik am totalen Wahrheitsanspruch von Greta Thunberg und ihrer Fridays-for-Future-Anhängerschaft vermutete. Eine Lesung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart auf dem Harbour Front Literaturfestival in Hamburg wird abgesagt, weil die linksradikale Szene mit Gewalt gedroht hatte. Niemand muss Eckharts beißende Auftritte, in denen sie Antisemitismus persifliert und „Neger“ sagt, gut finden. Aber jeder müsste empört sein, dass man ihr den Mund verbietet.

Geheuchelte Naivität

Gern wird auf Kritik dieser Art geantwortet, dass doch Nuhr und Eckhart weiterhin regelmäßig im Ersten aufträten. Wo seien denn ihre diskursiven Möglichkeiten beschnitten? Aber das ist natürlich geheuchelte Naivität. Beide Kabarettisten haben längst eine Bekanntheit erreicht, die ihnen die Möglichkeit belässt, sich weiterhin auch mit kontroversen Ansichten zu Wort zu melden. Doch welcher junge Comedian wird jetzt noch wagen, sich an dem Humor dieser beiden zu orientieren?

Fortschritt entsteht nicht immer, aber häufig im Streit. Er muss offen geführt werden dürfen, ohne dass man jenen, die auf der Grundlage von Argumenten tatsächlich Strittiges sagen, die Moral abspricht. Und er muss auch nicht immer zu einem Kompromiss führen. Jene, die das Internet zu ihrer Arena gemacht haben und den Daumen heben oder senken, je nachdem, ob ein Diskutant noch gehört werden dürfe, sind keine „Tugendwächter“, wie mitunter mit abfälligem Spott formuliert wird. Sie sind vielmehr die Zerstörer der Tugend der Freiheit.

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Ansgar Graw ist Herausgeber von „Pardon“ und von „TheEuropean“, wo dieser Artikel ebenfalls erschien