Von Ansgar Graw

UPDATE vom 6. August 2020 Zwei Tage nach Erscheinen dieses Artikels hat die DFG den zunächst zensierten Beitrag von Dieter Nuhr wieder online gestellt. Das ist eine erfreuliche Korrektur des Fehlers, macht aus unserer Sicht diese Analyse aber nicht gegenstandslos.

Dieter Nuhr, studierter Lehrer und gelernter Kabarettist, ist weder Wissenschaftler noch Wissenschaftstheoretiker. Darum bestand für die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG keinerlei Anlass, Nuhr um ein Testimonial zu bitten im Vorfeld des 100. Gründungsjubiläums am 30. Oktober 2020.

Doch die DFG hat diese Bitte geäußert, was ihr gutes Recht ist, und Nuhr hat ein knappes, lockeres Statement als Audio-File geliefert, was für seine zivilisierte Umgangsformen spricht. Die DFG stellte das Dokument am 21. Juli auf seine Webpage und bedankte sich, so Nuhr, „ganz herzlich für Ihr wunderbares Statement“ und den „pointierten Kommentar über die Relevanz und die Erklärung von Wissenschaft“.

Nuhrs Statement zum Thema „DFG2020 – Für das Wissen entscheiden“ wurde wenig später auch auf Twitter verbreitet und dort massiv kritisiert, was in einer „offenen und informierten Gesellschaft“, laut Selbstdarstellung das Ziel der DFG, niemanden stören sollte. Zu einem Skandal wurde der Vorgang erst am 30. Juli, als die DFG Nuhrs Statement wieder von der Website löschte – und zwar aufgrund der „starken und sehr kritischen Resonanz“ und um „die DFG zu schützen“, so laut Nuhr die wörtliche Begründung der Jubilare.

Wissenschaft ist nie zu 100 Prozent sicher

Wie konnte ein Text von Nuhr binnen neun Tagen von einem „wunderbaren Statement“ zu einer zensurbedürftigen Bedrohung der DFG mutieren? Nuhrs vollständiger Text lautet: „Wissen bedeutet nicht, dass man sich zu 100 Prozent sicher ist, sondern dass man über genügend Fakten verfügt, um eine begründete Meinung zu haben. Weil viele Menschen beleidigt sind, wenn Wissenschaftler ihre Meinung ändern: Nein, nein! Das ist normal! Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert. Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft ‚Folgt der Wissenschaft!‘ hat das offensichtlich nicht begriffen. Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig.“

Gibt es eine Behauptung, eine These in diesen Zeilen, die falsch wäre? Jeder Wissenschaftstheoretiker wird bestätigen, dass die Wissenschaft für komplexe Sachverhalte keine 100-prozentige Sicherheit liefert. Wir sprechen nicht zufällig regelmäßig vom „Stand der Wissenschaft“, der nicht statisch ist, sondern sich verändert. Wer eine Fachbibliothek mit 50 Jahre alten, also vergleichsweise jungen wissenschaftlichen Werken über Völkerwanderungen, die Ausdehnung des Weltalls, die Bedeutung der Gotik für die Renaissance oder Blattlauskunde durchstöbert, wird verblüfft sein, wie häufig vermeintlich gesicherte Wahrheiten falsifiziert worden sind.

Als Forscher auf genitale Stimulierung und Phlogiston setzten

Auf längere Sicht oder über die Jahrhunderte gilt dies um so mehr: Dass sich die Sonne um die Erde drehe, dass Tabak aus der neuen Welt gegen Krankheiten schütze, wenn man ihn über Klistiere in den Darm pumpe, dass genitale Stimulierung Frauen von Hysterie befreie oder dass in alle brennbaren Stoffe bei der Erwärmung eine dafür notwendige Substanz namens Phlogiston eindringe – alle diese Fakten galten zu unterschiedlichen Zeiten den klügsten Köpfen als gesichert und dienen heute den simpelsten Zeitgenossen zum Amüsement. Wer weniger tief in die Geschichte tauchen möchte, krame in Tageszeitungen der letzten Monate, um sich zu erinnern, wie häufig sich die Forschung im Zusammenhang mit Corona irrte und korrigierte: Übertragbarkeit auf Menschen ist unmöglich, ist doch möglich. Kinder verbreiten den Virus besonders schnell, besonders langsam. Masken nutzen nicht, Masken sind unverzichtbar.

Selbst die meisten naturwissenschaftlichen Hypothesen können nur gestützt oder widerlegt, aber nicht bewiesen werden. Sie sind immer nur vorläufig gültig, bis zum Beweis des Gegenteils. Dass absolutes Wissen ein Irrglauben ist, hat Karl Popper durch seine Theorie der Falsifikation belegt: Wir können 20, 30, 50 oder 1000 weiße Schwäne beobachten, aber die daraus leichtfertig gefolgerte Behauptung, „alle“ Schwäne seien weiß, wird falsifiziert in dem Moment, in dem auch nur ein einziger schwarzer oder nicht-weißer Schwan gesichtet wird.

Natürlich verbannte die DFG Nuhr nicht aus ihrem erlauchten Kreis, weil er strittige Thesen verbreitet hätte zur Farbe bestimmter Wasservögel oder zum Effekt von Vibratoren, zur Rolle des Sauerstoffs bei Verbrennungsprozessen oder zu Covid-19. Es ging viel mehr um Nuhrs Insinuation, dass auch die Klimaforschung irren könne. Könne!

Hintergrundrecherchen der DFG: Nuhr und Thunberg

So erklärt denn die DFG auf ihrer Website mit dem Mut zum Bandwurmsatz, sie habe sich nach den negativen Reaktionen auf Twitter „intensiver mit dem Statement von Dieter Nuhr befasst und weitere Hintergrundrecherchen durchgeführt. Dabei wurde deutlich, dass Herr Nuhr die Sätze: ‚Wissenschaft ist nämlich keine Heilslehre, keine Religion, die absolute Wahrheiten verkündet. Und wer ständig ruft ‘Folgt der Wissenschaft!’ hat das offensichtlich nicht begriffen.‘ in ähnlicher Form bereits in der stark polarisierten Debatte zum Klimawandel und der Aktivistin Greta Thunberg geäußert hat.“ Und weiter: „In dieser spezifischen Debatte Stellung zu beziehen, ist jedoch nicht Ziel der Kampagne #DFG2020.“

Doch auch in diesem Punkt hat Nuhr völlig recht. Dass der Mensch einen wichtigen Anteil habe an der Erderwärmung, sagen schließlich nicht 100 Prozent der Forscher, sondern lediglich 97 Prozent – von jenen zwei Dritteln der ausgewerteten Arbeiten zum Thema Erderwärmung, die sich überhaupt mit den Ursachen beschäftigt haben, wie der damalige „Spiegel“- und heutige „Welt“-Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowksi einst festgehalten und der Autor in seinem aktuellen Buch „Die Grünen an der Macht“ ausgeführt hat.

Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Die Erkenntnisse der übergroßen Zahl der Experten sprechen dafür, dass der Anteil des Menschen an der Klimaerwärmung beträchtlich ist. Aber ihn zu beziffern, bleibt unmöglich, und damit auch die Befolgung der allzu banalen Forderung „Folgt der Wissenschaft“, wie sie auf Fridays-for-Future-Kundgebungen vertreten wird. Denn was heißt das? Soll man den Wissenschaftlern folgen, die eine Apokalypse bereits als unvermeidlich ansehen? Dann müssten wir alle Autos, Fabriken, CO2-Emissionen sofort abschaffen, samt Arbeitsplätzen und Wohlstand. Oder folgen wir anderen, die uns noch 50 oder 100 Jahre geben? Jenen, die vor ernsten Folgen warnen, aber voraussagen, dass technologische Innovationen das menschliche Überleben sichern werden?

Der Ausschluss vom öffentlichen Diskurs

Alle entsprechenden Mutmaßungen sind keine „absolute Wahrheit“, wie Nuhr es zutreffend formuliert. Doch für die DFG reicht eine solche Binse bereits, um den Kabarettisten vom „offenen“ Diskurs auszuschließen. Das ist in der Tat „alarmierend“, wie es Nuhr qualifiziert. Keine seiner Äußerungen spricht übrigens dafür, dass er einen menschlichen Anteil am Klimawandel negiert.

Die Wissenschaft ist in Zeiten der Aufklärung angetreten, um uns vom Anspruch der Religion nach allein- und endgültigen Wahrheiten zu befreien und mündig zu machen. Jetzt schickt sich die Wissenschaft, genauer: die DFG an, Endgültigkeiten für sich in Anspruch zu nehmen. Wer sich ihnen verweigert, wird vom Hof der Erkenntnis gejagt. Der angebliche Diskurs gerät so zur bloßen Mogelpackung. Zensur ersetzt Liberalität, sobald ein Shitstorm aufkommt. Happy Besserwisser-Day, verehrte DFG.

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Ansgar Graw ist Herausgeber von „Pardon“ und vom Debatten-Portal „TheEuropean“. Zuvor schrieb der Autor erfolgreicher Bücher über zwei Jahrzehnte für WELT und WELT am SONNTAG, unter anderem als Korrespondent in Washington und als Chefreporter in Berlin.